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: Das Präsidentenbuch

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Der vom Verlag gewählte Titel "Bekenntnisse" erinnert an Werke der Weltliteratur: den heiligen Augustinus oder Jean-Jacques Rousseau. Das Buch des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hat damit nichts zu tun. Es ist eine politische Streitschrift, zusammengestellt aus drei Büchern Sarkozys (das älteste ...

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          Der vom Verlag gewählte Titel "Bekenntnisse" erinnert an Werke der Weltliteratur: den heiligen Augustinus oder Jean-Jacques Rousseau. Das Buch des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hat damit nichts zu tun. Es ist eine politische Streitschrift, zusammengestellt aus drei Büchern Sarkozys (das älteste stammt aus dem Jahr 2001), sein Hauptteil entstammt einem für den Wahlkampf verfassten Programmbuch, das den Titel "Temoignages", also etwa "Zeugnis ablegen", trug; ein 20 Seiten starkes Vorwort resümiert die ersten Ereignisse und Ergebnisse seiner Präsidentschaft.

          Bekenntnisse nach dem Vorbild der schonungslosen Selbstanalysen des Augustinus oder Rousseaus gibt es nirgendwo. Über das Thema, das Sarkozy seit zwei Jahren und über den Wahlkampf hinweg verfolgt hat, das Verhältnis zu seiner (inzwischen geschiedenen) Frau Cécilia, schreibt Sarkozy nur, dass es in seiner Ehe dieselben Probleme gebe wie bei vielen anderen Paaren. Auch über einen anderen heiklen Gegenstand, die politisch turbulenten Beziehungen zu seinem Vorgänger Jacques Chirac, sind keine Indiskretionen, noch nicht einmal Neuigkeiten zu erfahren: Das Verhältnis zu seinem früheren Mentor sei in den Zeiten, als er Minister war, stets besser gewesen, als dies in der Öffentlichkeit kolportiert worden sei. Allerdings sei er sich bewusst geworden, dass der Name Sarkozy nicht auf der Liste der Personen stehe, denen Chirac Gutes wünsche - seiner Karriere geschadet hat das nicht, wie man inzwischen weiß.

          Am persönlichsten ist das Buch da, wo Sarkozy sich über das Scheitern in der Politik auslässt, etwa was seine Unterstützung für Premierminister Balladur gegen Chirac in der Präsidentenwahl 1995 angeht oder seine schwere Niederlage als Spitzenkandidat der Gaullisten in der Europawahl 1999. Ansonsten schildert Sarkozy seine Arbeit als Innen- und Finanzminister und spart dabei nicht mit Selbstlob. Der Hauptteil des Buches, sein Wahlprogramm, ist abgeleitet aus einer grundsätzlichen und in vielen Punkten treffenden Kritik an der französischen Politik, an republikanischen Mythen, welche die faktischen Misserfolge, etwa der Einwanderungs-, der Integrations-, der Wirtschafts- oder der Schulpolitik, verschleiern. Seine eigenen Vorstellungen dazu trägt der Autor in unmissverständlicher Sprache vor, immer verbunden mit Reformvorschlägen und dem Hinweis darauf, dass er als gewählter Präsident genau diese Reformen verwirklichen werde - die Franzosen können in der Tat nicht sagen, sie wüssten nicht, wen und was sie da gewählt haben.

          Der unbedingte Wille zum Handeln, die Strategie, alle Probleme sofort und gleichzeitig anzupacken, also all das, was Sarkozys Politik seit dem Mai 2007 kennzeichnet, ist hier schon formuliert. Eine schwächelnde Konjunktur hat einige Kalkulationen obsolet gemacht; manches Hindernis für innere Reformen hat sich inzwischen als ziemlich hoch erwiesen. Von der Außenpolitik, für welche die Menschenrechte ein fester Referenzwert sein sollten, ist schon allerhand Lack abgegangen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird von Sarkozys politischen Coups weniger überrascht sein und die Energie und Durchsetzungskraft eines Mannes nicht geringschätzen, der seit mehr als einem Jahrzehnt das Amt angestrebt hat, das er nun prägen will und kann.

          GÜNTHER NONNENMACHER

          Nicolas Sarkozy: Bekenntnisse. Frankreich, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert. C. Bertelsmann Verlag, München 2007. 288 S., 19,95 [Euro].

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