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: Das Hohelied der Bundesrepublik

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Eine pfiffige Idee, die beiden Vogel-Brüder, die in SPD und CDU erstaunliche Karriere machten, über Jahrzehnte nie gemeinsam auftraten, sich aber in allen politischen Kämpfen stets respektierten und freundschaftlich verbunden blieben, im Wechselspiel einen Blick zurück werfen zu lassen auf sechs Jahrzehnte deutscher Zeitgeschichte.

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          Eine pfiffige Idee, die beiden Vogel-Brüder, die in SPD und CDU erstaunliche Karriere machten, über Jahrzehnte nie gemeinsam auftraten, sich aber in allen politischen Kämpfen stets respektierten und freundschaftlich verbunden blieben, im Wechselspiel einen Blick zurück werfen zu lassen auf sechs Jahrzehnte deutscher Zeitgeschichte. Am Anfang steht, natürlich, das Ende des Krieges, aus dem der sechs Jahre Ältere, Hans-Jochen, mit einem Bauchschuss in Norditalien herauskommt, während der Jüngere amerikanischen Tanks am Ostermontag 1945 im heimatlichen Gießen begegnet. Dass die totale Niederlage zugleich eine Befreiung bedeutet, erschließt sich beiden erst allmählich, wobei Hans-Jochen, früh schon schulmeisterlich, Bernhards politische Bildung übernimmt, die wichtigsten Wochenereignisse abfragt, richtige Antworten mit 50 Pfennig honoriert. Dass ihm der jüngere Bruder jedoch 1950 nicht in die SPD folgen mag, stattdessen etwas später in die CDU eintritt, wird als notwendiger Emanzipationsakt mehr als erklärlich.

          Währungsreform, Grundgesetz, Adenauer-Zeit - schon bei diesen Schilderungen wird deutlich, was beide Brüder prägt und über alle politischen Gräben hinweg neben einem tiefen Verfassungspatriotismus verbindet: eine katholisch fundierte, paternalistische Sozialethik. Wo Hans-Jochen Vogel in den fünfziger Jahren lange vom "Gedanken des Gemeineigentums an marktbeherrschenden Unternehmen" fasziniert ist und noch später als Bundesbauminister im Kabinett Brandt von einer "wirklichen Bodenreform" träumt, beruft sich sein Bruder auf die katholische Soziallehre, auf die Jesuitenpatres Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning. Zusammen verehren sie Johannes Paul II., loben seine Kapitalismuskritik. Auch Hans-Jochen Vogel, der erste praktizierende Katholik an der Spitze der SPD, wird ihn mehrmals treffen. Wirkliches Vertrauen in die Effizienz, die Gerechtigkeit des Marktes sieht anders aus, bei allem Lob für den Mut Ludwig Erhards und seine Wirtschaftsreformen.

          Das Wirtschaftswunder und die gute Bezahlung als Münchner Stadtrat und Leiter des Rechtsreferates verhelfen Hans-Jochen Vogel 1958 zu seinem ersten Auto, einem VW-Käfer. Der Aufstieg zum jüngsten Oberbürgermeister Deutschlands folgt zwei Jahre später. Ein Menetekel für Adenauer - der amtierende Bundeskanzler ist fünfzig Jahre älter. Bruder Bernhard nimmt derweil unter dem Decknamen "Peter Pinto" mit Rückendeckung des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen an den kommunistischen Weltjugendspielen in Wien teil. Auch seine Karriere gewinnt nach kommunalpolitischem Start an Fahrt, führt 1965 in den Bundestag. Wichtigster Förderer und Freund? Helmut Kohl, dem er in den dramatischen Wochen von Erhards Sturz, Kurt Georg Kiesingers Kür und der Bildung der ersten großen Koalition der Bundesrepublik jeden Abend telefonisch berichtet, der ihn wenig später zum Kultusminister in Rheinland-Pfalz berufen, 1976 als Nachfolger im Ministerpräsidentenamt vorschlagen wird. Bernhard Vogel im Rückblick: "Die Partei war Kohls Heimat. Mitunter - so schien es manchmal - war ihm sein Parteiamt noch wichtiger als sein Regierungsamt."

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