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: Das Böse - nicht nur ein Systemversagen

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Vor nicht allzu langer Zeit hätte man ein solches Buch als unpolitisch und höchst unaktuell betrachtet. Schon der Titel ist bald zweitausend Jahre alt, ein Bibelwort aus dem 12. Kapitel des Briefes an die Römer; von jenem Mann, der als Saulus die Christenschar des Jesus von Nazareth verfolgte, sich ...

          Vor nicht allzu langer Zeit hätte man ein solches Buch als unpolitisch und höchst unaktuell betrachtet. Schon der Titel ist bald zweitausend Jahre alt, ein Bibelwort aus dem 12. Kapitel des Briefes an die Römer; von jenem Mann, der als Saulus die Christenschar des Jesus von Nazareth verfolgte, sich dann jedoch zur Botschaft des österlich Auferstandenen bekehrte und als Paulus der christlichen Sekte unter den Juden durch die Wende zum Universalismus mit allen "Heiden" den Weg zur großen Weltreligion eröffnete. Aber das Jubiläumsjahr des Paulus von Tarsus, Ende Juni 2008 von Papst Benedikt XVI. feierlich zu dessen Geburt vor zwei Jahrtausenden eröffnet und bis in diesen Sommer hinein dauernd, zieht ohne große Bekehrungen und neue Einsichten vorbei.

          Vielleicht bedurfte es der Erschütterung in den westlichen Gesellschaften durch eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise, um den ersten Satz des Buches von Kardinal Cordes richtig zu verstehen: "Wohl niemand wird bestreiten, dass uns das Böse fasziniert." Oder einen weiteren: "Die grausame Niedertracht von Zeitgenossen lässt uns immer neu schockartig erwachen." Wieso "das Böse", wieso "die Niedertracht", hätte man vor kurzem noch unschuldig gefragt und mit flinken Erklärungen das Betreffende genauso (vermeintlich) entsorgt wie faule Kredite. Man hätte das Gift des Bösen verpackt und weitergeschoben, hätte von krankhaft ansteckender Niedertracht nichts wissen wollen, sich mit ruhigem Gewissen und sattem Gewinn der Illusion hingegeben, dass alles Schlechte mit Verdrängen verschwunden sei. Auch den Begriff der Politik hatte man darauf eingeschränkt, Regeln und ein paar Warntafeln aufzustellen, weil die Selbstheilungskräfte der Märkte und der doch selbstverständliche Anstand der Beteiligten alles zum Besten fügen würden. Ein altes Griechisch-Lexikon von 1858 (Benseler-Kaegi) belehrt hingegen, gleichsam als Propädeutik des Buches, dass die Antike "Politeia", das Politische also, zuerst als "das Verhältnis eines freien Bürgers zum Staate" betrachtete, als "das Benehmen eines Bürgers, das Treiben, die Grundsätze der Bürger eines Staates", insbesondere die seiner Eliten.

          Der Bürger soll also gut sein, lautet die politische und soziale Aufforderung des Paulus und des deutschen Kardinals. Paul Josef Cordes tut seit bald 30 Jahren an der Römischen Kurie Dienst, zuerst als Vizepräsident des vatikanischen Laien-Rates, dann, seit 1995 als Präsident des Päpstlichen Caritas-Hilfswerks "Cor Unum" (Ein Herz). Der Bürger soll an das Gute glauben, und, weiter, davon überzeugt sowie darüber beunruhigt sein, dass es das Böse gibt, in der Wirklichkeit und in ihm selbst.

          Da hätte man vor kurzem auch noch gehört: Dass wir nicht lachen! Aber inzwischen ist uns das Lachen vergangen. Eigentlich hätte das Lachen schon im 20. Jahrhundert mit den mörderischen Ideologien verschwinden müssen. Aber da gab es, so weist der gelehrte Prediger und lebensnahe Theologe auf, Soziologie und Psychologie, eines Sigmund Freud zum Beispiel, die das Böse und die Schuld des Einzelnen, christlich gesagt, die Sünde, wegzauberten, sie der Gesellschaft ob deren Fehlkonstruktion zuschoben oder einer traumatischen Kindheit anlasteten.

          Es sind "die Grenzen" von Psychologie und Soziologie, die der Kardinal freundlich, aber bestimmt aufzeigt. Damit will er als guter Christ jedoch gerade nicht dem einzelnen Menschen Sünde und Schuld neurotisch aufladen. Er macht ihm vielmehr Mut, "dem Bösen zu widerstehen, in der Mitwelt und im Herzen". Das geschieht für den Kardinal natürlich durch den Glauben an einen gütigen und verzeihenden Gott, aber eben auch durch die Einsicht, dass nicht nur im Staat etwas faul sein kann, sondern auch im persönlichen "politischen" Verhalten. Deshalb das "Plädoyer für das individuelle Sündenbekenntnis", im Katholischen kurz "Beichte" genannt, die eben auch das Anerkennen persönlicher Verfehlungsfähigkeit ist. Geldgier kann so nicht mehr ein für alle Mal als Strukturfehler des Kapitalismus wegreguliert werden, sondern steckt offenbar in jedem Menschen als sündhaftes Habenwollen. Da hilft es dem Menschen auch nicht, wenn er die Sünde nicht wahrhaben will, sich wie Adam nach dem Sündenfall im Paradies vor Gott versteckt. Persönliche Sünde und gemeinschaftliches Versagen stehen in Beziehung.

          Wenn es so mit dem Menschen und der Gesellschaft steht, müsste man düster in die Zukunft sehen. In dem letzten der vier langen Essays setzt Kardinal Cordes seine Antwort gegen jeden Kulturpessimismus. Er spricht von der "christlichen Mündigkeit", ersetzt den statischen Begriff des "Christseins" durch den politisch-dynamischen des Christ-Werdens, der Mündigkeit des Glaubenden, der nach dem Beispiel des Jesus Christus das Sündhafte wahrnimmt, doch abschüttelt. Es geht vor allem um den Glaubenden, der in lebendiger Gemeinschaft glaubt, auch in jenen jungen "Bewegungen" der Kirche, die aus einem scheinbar naiven Glauben an das Gute dies einfach tun wollen und aus der Überzeugung, dass man nur so das Böse besiegen kann, ganz politisch und ganz aktuell.

          Paul Josef Kardinal Cordes, Besiege das Böse mit dem Guten. Grenzen der Psychologie und die Kraft des Glaubens. Sankt Ulrich Verlag Augsburg 2009, 16,90 [Euro].

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