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Das aktuelle Buch : Schneeflocken als Kraftnahrung

Donald Rumsfeld: Die Erinnerungen Bild: AFP

Die Erinnerungen Donald Rumsfelds zeigen den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister, wie man ihn kennt: witzig, standfest und manchmal auch ein wenig rechthaberisch. Vor allem aber sind sie ausführlich.

          3 Min.

          Die Erinnerungen Donald Rumsfelds beginnen mit dem Handschlag vom 20. Dezember 1983 in Bagdad: Der damalige Nahost-Gesandte von Präsident Ronald Reagan sollte Saddam Hussein auf dessen Tauglichkeit als möglicher Verbündeter gegen das Mullah-Regime in Iran überprüfen; doch mit dem allzeit kriegslüsternen Diktator in Bagdad war nicht viel anzufangen. Die Memoiren enden mit einem Diktum Adlai Stevensons, des zweifachen demokratischen Präsidentschaftskandidaten der fünfziger Jahre und UN-Botschafters unter Präsident Kennedy während der Kuba-Krise von 1962: „Wenn Amerika strauchelt, fällt die Welt.“ Diesen Leitspruch hatte Stevenson beim Bankett des Graduiertenjahrgangs 1954 an der Universität Princeton dem damals 22 Jahre alten Rumsfeld und seinen Kommilitonen mit auf den Weg gegeben und sie zur aktiven Teilhabe an der Politik ermuntert.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dokumente und Schneeflocken

          Dazwischen liegen die gut 720 Seiten der Memoiren von Donald Rumsfeld, und es folgen weitere 90 Seiten Anmerkungen. Fast vier Jahre lang haben Rumsfeld und sein Mitarbeiterstab an den Erinnerungen gearbeitet. Das Ergebnis ist ein schwungvoll geschriebenes Buch, das gut zur Hälfte der Amtszeit Rumsfelds als Verteidigungsminister von 2001 bis 2006 gewidmet ist. Zur weiteren Lektüre hat Rumsfeld zudem Zehntausende Dokumente - zumal seine als „Snowflakes“ (Schneeflocken) bekannten Kurzmemoranden aus dem Pentagon - auf der Website www.rumsfeld.com zugänglich gemacht.

          Donald Rumsfeld bei der Präsentation seiner Memoiren in Washington am 22. Februar

          Von Nixon bis Bush

          Rumsfeld war, von 1975 bis 1977 unter Gerald Ford, nicht nur der jüngste Verteidigungsminister und später unter George W. Bush dazu der älteste Pentagon-Chef. Er war auch Abgeordneter im Repräsentantenhaus, Richard Nixons Nato-Botschafter in Brüssel, Stabschef von Ford im Weißen Haus, Nahost-Gesandter von Reagan und jeweils früh gescheiterter republikanischer Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftskandidat. Als Chef von Pharma- und Telekommunikationsunternehmen reüssierte Rumsfeld zudem in der Wirtschaft.

          Der Irak-Krieg

          Es wird niemanden überraschen, dass Rumsfeld den Einmarsch im Irak vom März 2003 bis heute für richtig hält: „Der Sturz der brutalen Diktatur Saddam Husseins hat eine stabilere und sicherere Welt geschaffen“, schreibt er. Die im Januar 2003 von Präsident Chirac und Bundeskanzler Schröder öffentlich geäußerte entschiedene Ablehnung eines Regimewechels in Bagdad habe den Krieg vollends unausweichlich gemacht: „Indem sie Saddam ein falsches Sicherheitsgefühl gaben und den Anreiz für ihn zum Befolgen der UN-Resolutionen verringerten, haben Franzosen und Deutsche zweifellos den Krieg wahrscheinlicher gemacht - und nicht weniger wahrscheinlich.“

          Powell und Rice waren schuld

          Dass nach der erfolgreichen Invasion vieles bei der Stabilisierung des Zweistromlandes misslang, kreidet Rumsfeld vor allem Außenminister Powell und Sicherheitsberaterin Rice an. Das State Department unter Powell habe unzureichend geplant, und auch die Entscheidung des ersten Zivilverwalters Paul Bremer zur Auflösung der irakischen Armee sei zweifelhaft gewesen. An Rice kritisiert Rumsfeld vor allem deren aufs Überbrücken von Gegensätzen konzentrierten Stil, der mit unzulänglichen Managementfähigkeiten im Nationalen Sicherheitsrat gepaart gewesen sei. Statt dem Präsidenten alle Handlungsoptionen und möglicherweise krass widersprüchliche Ansichten der maßgeblichen Kabinettsmitglieder darzulegen, habe sie sich vorab an versöhnenden Synthesen versucht.

          Nicht Lüge, sondern Selbsttäuschung

          Zum Monumentalstreit über die im Irak vermuteten und dann nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen sowie zur denkwürdigen „Beweisrede“ Powells vor dem UN-Sicherheitsrat vom 5. Februar 2003 schreibt Rumsfeld lapidar: „Powell wurde von niemandem getäuscht oder hinters Licht geführt, noch hat er über Saddams mutmaßliches Arsenal von Massenvernichtungswaffen gelogen. Der Präsident hat nicht gelogen. Der Vizepräsident hat nicht gelogen. CIA-Chef Tenet hat nicht gelogen. Rice hat nicht gelogen. Ich habe nicht gelogen. Der Kongress hat nicht gelogen. Die viel weniger dramatische Wahrheit ist, dass wir uns getäuscht haben.“

          Rumsfeld, der Trendsetter

          Dass sein Schmähwort vom „alten Europa“, als welches er Frankreich und Deutschland im Gegensatz zu den neuen Nato-Mitgliedern aus Mittel- und Osteuropa bezeichnet hatte, „längst zum Teil des allgemeinen Sprachguts geworden ist“, hat Rumsfeld mit wachsendem Amusement verfolgt. Seinen energischen Einsatz dafür, zumal das träge Heer mobiler und flexibler zu machen, aber auch die anderen Teilstreitkräfte für die asymmetrischen Kriege unserer Epoche umzurüsten, sieht Rumsfeld nach wie vor als unabdingbaren Beitrag dazu, dass ein starkes Amerika auch im 21. Jahrhundert nicht strauchelt.

          Auch das: Selbstkritik

          Schlechte Noten gibt sich Rumsfeld dagegen für den Augenblick seines Abtritts, der nach der Niederlage der Republikaner bei den Kongresswahlen vom November 2006 erfolgte. Stattdessen hätte er seinen Hut nehmen müssen, als 2004 die Misshandlung irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten im Militärgefängnis Abu Ghraib bei Bagdad ans Licht kamen. Doch Präsident Bush lehnte seinerzeit zwei Rücktrittsgesuche Rumsfelds ab: „Mehr als alles andere, das ich versäumt habe, bedaure ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht gegangen bin.“

          Donald Rumsfeld: "Known and Unknown". A Memoir. New York: Sentinel. 815 Seiten, geb., 36 Dollar.

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