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: Choreographie des Untergangs

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Das auf zehn Bände und über zehntausend Seiten angelegte Weltkriegswerk des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr (MGFA) ist eines der größten Unternehmen der modernen Geschichtswissenschaft. Während an den Historischen Seminaren nach der Formel "Exzellenz = schnelle Ergebnisse bei geringen ...

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          Das auf zehn Bände und über zehntausend Seiten angelegte Weltkriegswerk des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr (MGFA) ist eines der größten Unternehmen der modernen Geschichtswissenschaft. Während an den Historischen Seminaren nach der Formel "Exzellenz = schnelle Ergebnisse bei geringen Kosten" immer kleinere Brötchen gebacken werden müssen, arbeitet die Potsdamer Einrichtung mit langem Atem an ihrer Gesamtschau des Zweiten Weltkriegs aus deutscher Sicht. Dafür muss dem MGFA Respekt und Dank gezollt werden. Die Weltkriegsreihe hat erheblich zur Etablierung einer rundum erneuerten Militärgeschichtsschreibung beigetragen, die anders als die traditionelle "Kriegsgeschichte" den Krieg nicht mehr als Abfolge von Schlachten, sondern als hochkomplexes Zusammenwirken aller historisch relevanten Faktoren begreift. Das gelang nicht zuletzt deshalb, weil man den Anschluss an die wissenschaftlichen Standards fand und sich um Methodenvielfalt bemühte, zuletzt etwa durch die Einbeziehung neuer gesellschafts- und kulturgeschichtlicher Ansätze (Band 9).

          Das MGFA hat die Maßstäbe also selbst gesetzt, an denen der jetzt veröffentlichte Band gemessen werden muss. Mit ihm nähert sich das große Werk seinem Abschluss - es fehlt nun lediglich noch der letzte, das Kriegsjahr 1945 thematisierende Teil. Mit Staunen und vielleicht auch mit Stöhnen nimmt der interessierte Leser zur Kenntnis, dass die Neuerscheinung unter den vielen dicken Büchern der Reihe das dickste ist. Doch nicht der Umfang ist das Problem. Es sind die Proportionen, die irritieren. Den Band kennzeichnet in mehrfacher Sicht eine bemerkenswerte Asymmetrie.

          Die erste Schieflage fällt bereits bei der Gliederung ins Auge. Es werden nicht nur der Krieg im Osten 1943/44, sondern auch die "Nebenfronten" behandelt. Die Herausgeber waren allerdings schlecht beraten, auch den italienischen Kriegsschauplatz in diesen Band aufzunehmen. Das deutsche Verhältnis zum faschistischen Italien und das Entstehen einer zweiten Front in Europa sind alles andere als ein Nebenaspekt. Das wissen auch die Bearbeiter: Die Schlacht im Kursker Bogen wird auf 150 Seiten bis ins kleinste Detail analysiert - mit dem einleuchtenden Ergebnis, dass nicht das Scheitern des Unternehmens "Zitadelle" an der Ostfront das entscheidende Ereignis im Juli 1943 gewesen sei, sondern die alliierte Landung auf Sizilien. Diese Zäsur an der Südflanke wird jedoch im selben Band auf knapp sechs Seiten abgehandelt. Der gesamte Beitrag über den Krieg in Nordafrika und Italien von Anfang 1943 bis Mai 1945 umfasst wenig mehr als sechzig Seiten und ist damit kürzer als der - übrigens sehr gelungene - Abschnitt über den jugoslawischen Kriegsschauplatz, den man mit größerem Recht als "Nebenfront" bezeichnen kann. Dass der Leser auf eine Monographie Gerhard Schreibers über Italien vertröstet wird, die irgendwann außerhalb der Reihe erscheinen soll, ist unbefriedigend.

          Doch wenden wir uns dem Kern des Bandes zu, der akribischen Beschreibung des deutsch-sowjetischen Krieges von der Sommeroffensive bei Kursk im Juli 1943 bis zum ersten Vorstoß der Roten Armee nach Ostpreußen im Herbst 1944. Auf diesem Hauptschauplatz des Zweiten Weltkriegs spielten sich nach Stalingrad militärische Dramen der Superlative ab: Hier kämpften und fielen nach wie vor die meisten Soldaten, hier kam es im Kursker Bogen zur größten Landschlacht der Weltgeschichte, hier kulminierten die Rückschläge der Wehrmacht in der schwersten Niederlage der deutschen Militärgeschichte, dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Forschung diesem "langen" dritten Jahr des Ostkrieges bisher nur stiefmütterlich gewidmet hat. Entsprechend groß war die Spannung auf den Potsdamer Weg in jene terra incognita. Schließlich war es das MGFA, das 1983 mit dem Band 4 über das "Unternehmen Barbarossa" eine wesentliche Grundlage für die kritische Erforschung von Hitlers Ostfeldzug gelegt hatte. Damals wurden die operationsgeschichtlichen Kapitel durch wegweisende Abschnitte über den verbrecherischen Charakter der deutschen Kriegführung ergänzt. Daran konnte die gesellschaftlich bedeutsame und wissenschaftlich ertragreiche Diskussion über die "Verbrechen der Wehrmacht" in den letzten zehn Jahren anknüpfen.

          Wer jedoch Aufschluss darüber erhofft hatte, welche Entwicklung die schreckliche Interdependenz zwischen erbittertem Kampf und brutaler Besatzungsherrschaft nach Stalingrad nahm, wird bitter enttäuscht. Der vorliegende Band bedeutet einen Rückschritt zur eng gefassten Schlachtenbeschreibung. Man mag an der jüngsten Wehrmachtsdebatte mit gutem Grund kritisieren, dass sie das Sterben und Töten an der Front weitgehend ausgeblendet habe. Doch ebenso verfehlt wie eine "Militärgeschichte ohne Krieg" ist eine militärisch-operative Perspektive, die zwar den politisch-strategischen Rahmen hin und wieder berücksichtigt, die ideologischen, wirtschaftlichen, sozialen, besatzungspolitischen und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen aber völlig außer Acht lässt. Eine solche "Operationsgeschichte pur", für die in erster Linie Karl-Heinz Frieser als Autor verantwortlich zeichnet, führt zu Verzerrungen, besonders gravierend im Zusammenhang mit der Strategie der "Verbrannten Erde". Die deutschen Rückzüge werden beschrieben, ohne dass näher auf die systematischen Zerstörungen und Deportationen eingegangen wird. Beispielsweise erwähnt Frieser die Ausweichbewegung der 9. Armee im März 1944 bei Ozarichi, versäumt aber jeglichen Hinweis auf das bereits erforschte deutsche Kriegsverbrechen gegen 50 000 deportierte "unnütze Esser", von denen 9000 umkamen. An anderer Stelle wird pauschal behauptet, die höheren Stäbe hätten sich bemüht, die negativen Folgen der Destruktionsmaßnahmen durch "einschränkende Befehle" einzudämmen. Diesem beschönigenden Bild widerspricht im selben Band Bernd Wegner, der in seinem Strategiekapitel einige Seiten über die "Verbrannte Erde" einbindet und dabei unmissverständlich die Begriffe Ausplünderung, Ausbeutung, Verschleppung, Devastation und Vandalismus gebraucht. Dabei gingen, wie Wegner zeigt, die vorgesetzten Stäbe wiederholt gegen "falsche Humanitätsduselei" in der Truppe vor, um die befohlenen Grausamkeiten durchzusetzen.

          Wegners knapper Einschub kann an der Schlagseite freilich nichts ändern. Und anders als in der Einleitung behauptet, wird das fatale Defizit auch in den übrigen Bänden der Reihe nicht kompensiert. Die wirtschaftliche Ausbeutung, Hunger und Zwangsarbeit, der Terror gegen die Zivilbevölkerung bei der Partisanenbekämpfung, die Behandlung der Kriegsgefangenen, die Morde aus rassenideologischen Motiven, kurzum: die alltäglichen Verstöße der Besatzungsmacht gegen Recht und Sitte, all das findet hier für die Jahre 1943 und 1944 so gut wie nicht statt, obwohl es wie 1941 integraler Bestandteil der deutschen Kriegführung im Osten war. Dabei hätte man vom MGFA gerade auf diesem noch weitgehend unbestellten Feld Grundlagenarbeit erwarten dürfen. Stattdessen wird wieder wie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten so getan, als ob sich die Wehrmacht in der Sowjetunion in einem quasi menschenleeren Raum bewegt habe. Mehr Empathie als den sowjetischen wird den deutschen Opfern entgegengebracht. Frieser verweist wiederholt auf sowjetische Greueltaten gegen deutsche Soldaten und widmet dem "Menetekel" von Nemmersdorf einen eigenen Abschnitt.

          Doch selbst wenn man sich auf die operationsgeschichtliche Reduktion einlässt, kann die Analyse der Vorgänge an der Ostfront nicht durchgehend überzeugen. Zwar gelingt es, mit zahlreichen Legenden, die sich um die großen Schlachten im Osten ranken, aufzuräumen und unter der Verwendung sowjetischer Quellen neue, verlässliche Rechnungen über Einsatz und Verlust auf beiden Seiten aufzustellen - mit dem Ergebnis, dass die hoffnungslose Unterlegenheit der Wehrmacht seit 1943 noch größer war als bisher angenommen und vor allem sowjetische Führungsmängel ein vorzeitiges Ende des Krieges verhinderten. Hervorragende Karten veranschaulichen den Verlauf der einzelnen Operationen. Bedauerlich ist hingegen der weitgehende Verzicht auf die Auswertung zeitgenössischer Privatzeugnisse, etwa aus den Nachlässen deutscher Generale. Auch wirkt das häufige Verweilen bei taktischen und technischen Details auf die Dauer ermüdend.

          Schwerer wiegt freilich, dass sich die Argumentation immer wieder auf Memoiren und Nachkriegsstudien der deutschen Militärs stützt. In dieser "Rekonstruktion des Zweiten Weltkriegs aus dem Geist des Generalstabs" ging es vor allem darum, alle Schuld auf den militärischen Dilettanten Hitler abzuwälzen, der die "Profis" dauernd behindert habe. Dieser Linie folgt Frieser weitgehend kritiklos. Seine Helden sind Erich von Manstein und einige andere fähige Generale, die einen "Zweifrontenkrieg" gegen die sowjetische Übermacht und gegen die haarsträubenden Fehlentscheidungen Hitlers geführt hätten. Nun ist gewiss richtig, dass Hitlers Konzept des starren "Haltens um jeden Preis" zu militärischen Katastrophen führte, die durch eine bewegliche Verteidigung, wie sie die Generalität forderte, vermutlich vermieden worden wären - und zwar auf Kosten der nochmaligen Verlängerung eines letztlich aussichtslosen Kampfes. Doch ganz so schwarz-weiß darf das Verhältnis Hitlers zur Militärelite nicht gesehen werden. Frieser unterschätzt den originären Anteil der Heeresgeneralität an der deutschen Katastrophe.

          Die Kapitel Bernd Wegners über die Strategie der deutschen Führung zeichnen ein wesentlich differenzierteres Bild. Danach sind viele militärische Fehler nicht auf den Dilettantismus Hitlers, sondern auf Kompetenzgerangel, Ehrgeiz, Eifersucht und schlichtweg Unfähigkeit innerhalb der Generalität zurückzuführen. Außerdem verschrieb sie sich mehrheitlich einer zweifelhaften Kriegführung des "als ob" - als ob der Krieg noch zu einem annehmbaren Ende zu bringen sei. In der realistischen Einschätzung der Kriegslage war der "Führer" den meisten Generalen weit überlegen. Nach dem Scheitern der Sommeroffensive von 1942 - so Wegner - habe Hitler überhaupt keine Gesamtstrategie zur erfolgreichen Beendigung des Krieges mehr besessen. "Entgegen einer fortbestehenden Sprachregelung des Regimes entwickelte sich während der letzten zweieinhalb Jahre des Krieges für Hitler nicht der ,Endsieg', sondern die Gestaltung des eigenen Untergangs zunehmend zum Mittelpunkt seines Denkens und Handelns." Dadurch habe der Diktator gehofft, "die militärische Niederlage in einen moralischen Sieg verwandeln zu können", nicht zuletzt, weil die Fortsetzung des Krieges die Chance bot, seine "historische Mission" der physischen Vernichtung des europäischen Judentums zu erfüllen. Die - natürlich diskutable - These Wegners von der "Choreographie des Untergangs" ist der intellektuelle Lichtblick eines Bandes, der ansonsten bei einseitiger Dominanz der Operationsgeschichte zu viel auslässt, um zu überzeugen.

          JOHANNES HÜRTER

          Karl-Heinz Frieser/Klaus Schmider/Klaus Schönherr/Gerhard Schreiber/Krisztián Ungváry/Bernd Wegner (Herausgeber): Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 8). Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 1350 S., 49,80 [Euro].

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