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: Bush unter Sperrfeuer

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Joseph C. Wilson: Politik der Wahrheit. Die Lügen, die Bush die Zukunft kosten könnten. Aus dem Englischen von Karin Balzer u. a. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 416 Seiten, 19,90 [Euro].Wilhelm Dietl: Schwarzbuch Weißes Haus. Außenpolitik mit dem Sturmgewehr. area verlag, Erftstadt 2004.

          Joseph C. Wilson: Politik der Wahrheit. Die Lügen, die Bush die Zukunft kosten könnten. Aus dem Englischen von Karin Balzer u. a. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 416 Seiten, 19,90 [Euro].

          Wilhelm Dietl: Schwarzbuch Weißes Haus. Außenpolitik mit dem Sturmgewehr. area verlag, Erftstadt 2004. 352 Seiten, 9,95 [Euro].

          Hans Leyendecker: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004. 224 Seiten, 14,90 [Euro].

          Auf dem Büchermarkt haben Publikationen über die Außenpolitik der Regierung Bush junior nach wie vor Hochkonjunktur. 2004 scheint - wie die New York Review of Books treffend bemerkt - zum Jahr der "singing insider" und der investigativen Journalisten zu werden. Und natürlich geht es dabei um das hehre Ziel, Lügen zu entlarven und der Wahrheit eine Gasse zu schlagen. Der ehemalige amerikanische Diplomat Joseph Wilson hat sein Insider-Wissen bezüglich jener unrühmlichen "16 Worte" kundgemacht, mit denen Präsident Bush am 28. Januar 2003 in der Rede zur Lage der Nation behauptet hatte, Saddam Hussein habe unlängst in Afrika bedeutende Mengen Uran kaufen wollen. Daß die Regierung Bush dabei nicht auf eine Fälschung hereingefallen war, sondern aufgrund der Erkundungsmission von Wilson sowie anhand zweier weiterer Gutachten wußte, daß die Behauptung falsch war, teilte Wilson in der New York Times der Öffentlichkeit mit, nachdem sein internes Drängen um Richtigstellung erfolglos geblieben war. Das Weiße Haus initiierte daraufhin eine journalistische Verleumdungskampagne gegen Wilson und dessen Ehefrau, deren CIA-Identität gesetzwidrig enttarnt wurde.

          Die detaillierte Schilderung dieser Affäre und die Selbstverteidigung Wilsons bilden den Kern der Memoiren, die dadurch zu einer Anklageschrift und zu einem Teil der Anti-Bush-Wahlkampagne werden. Aber auch die Kapitel, in denen Wilson über die verschiedenen Stationen seiner diplomatischen Tätigkeit, vornehmlich in Afrika und im Irak, berichtet, sind aufschlußreich und dürften auch nach den November-Wahlen Interesse beanspruchen. Dies gilt vor allem für die amerikanische Afrika-Politik. Wenig bekannt war bisher das militärische Engagement des U.S. European Command, dem Wilson 1995 bis 1997 zugeordnet war, und die gute militärische Kooperation mit Frankreich auf dem Schwarzen Kontinent. Die Lektüre dieser und anderer Kapitel zeigt, daß die herausragende Macht der Vereinigten Staaten für den weltweiten amerikanischen Führungsanspruch entscheidend ist. Auch Wilson unterstützt diesen Anspruch, aber er kritisiert, daß die Regierung Bush eine kontraproduktive imperiale Politik betreibt und Amerika und die Welt irreführt. Wahrheit oder Lüge, Republik oder Imperium - das sind die Alternativen, zwischen denen die Amerikaner nach Wilsons Meinung zu wählen haben.

          Weil die "Insider" bereits so viel enthüllt haben, haben es die investigativen Journalisten - deutsche zumal - schwer, eigene originäre Beiträge zu liefern. So wird aus dem investigativen Journalismus tendenziell ein richtender Journalismus, in der Hoffnung, daß die amerikanischen Wähler und die deutschen Leser das vernichtende Urteil unterschreiben werden. Konkret gesagt: Auch die beiden Journalisten Wilhelm Dietl und Hans Leyendecker können wenig Neues enthüllen. Ihre Bücher sind im wesentlichen eine Zusammenstellung der bereits entlarvten "gröbsten Lügen", die dem aufmerksamen Zeitungsleser schon bekannt sind. Und der Markt ist allmählich übersättigt!

          Nachdem der Titel "Schwarzbuch USA" schon vergeben war, hat Dietl für seine Abrechnung mit der amerikanischen Außenpolitik die Variante "Schwarzbuch Weißes Haus" gewählt. Wie in einem amerikanischen Sandwich werden zwischen dem Eingangskapitel über die "Bush-Cheney-Öljunta" und dem Schlußkapitel über den "neuen Kreuzzug gegen die islamischen Fundamentalisten" nacheinander die amerikanischen Untaten seit den fünfziger Jahren aufgeschichtet. Auch hier sprechen die Kapitelüberschriften für sich selbst: "Globale Kommunistenabwehr", "Polizeieinsätze im Hinterhof", "Der Fall Kissinger", "Konfrontation am Hindukusch", "Saddam Hussein".

          Lediglich die Ära Clinton wird als Aufhellung gewertet ("Als beinahe Frieden ausbrach", oder: "Make Love Not War"). Das innenpolitische Pendant zur verwerflichen Außenpolitik der Regierung Bush ist die Errichtung des Departement of Homeland Security, das skandalöserweise schlichtweg als ein "Reichssicherheitshauptamt" bezeichnet wird. Das Bekenntnis im Vorwort prägt den Inhalt und den Stil dieser Anklageschrift: "Wir, die Nachgeborenen (der Großeltern- und Adenauer-Generation), haben Amerika selbst erlebt. Wir standen staunend zwischen den Wolkenkratzern von New York, liebten diese Stadt oder haßten sie. Dazwischen gibt es nichts." Über die Einstellung des Autors gibt es nach der Lektüre seiner Schrift keinen Zweifel.

          Leyendeckers Buch ist differenzierter geschrieben. Aber es ist nicht weniger anklagend. Und da es schon ein Buch über die "Lügen des George Bush" gibt, muß auch dieser Autor seinen Buchtitel leicht variieren. Im ersten Teil wird die "Denkfabrik" der amerikanischen Regierung beschrieben - eine Art "Gruppenbiographie" der Hauptakteure: Bush ("Der Erwählte"), Dick Cheney ("Apocalypse now"), Condoleezza Rice ("Die fromme Expertin") und so weiter. Vorgeschaltet ist ein kurzes Kapitel über die Macht der neokonservativen think tanks, das sachlich-informativ ist, weil sich hier der Autor auf seriöse fachwissenschaftliche Studien stützt. Im zweiten Teil werden die "Lügenfabrik" und deren Produkte vorgestellt, selbstverständlich einschließlich der "Atom-Fälschung", die im Mittelpunkt der bereits erwähnten Wilson-Memoiren steht.

          Am Schluß mutiert der investigative Journalist zum Futurologen, das heißt, er kontrastiert zwei Alternativszenarien des Jahres 2010: Ära Bush nach der möglichen Wiederwahl versus Ära Kerry. Leyendecker ist realistisch genug, um zu vermuten, daß auch ein Präsident Kerry eine hegemoniale Politik betreiben würde, die der amerikanischen Machtposition entspräche: "Auch er würde den Patriotismus hochhalten. Den Terror zwangsläufig bekämpfen. Die führende Rolle Amerikas in der Welt erhalten wollen. Und, wer weiß, auch Lügen. Aber er würde wieder jenes berechenbare Maß haben, das man vor dem Aufmarsch der Bush-Administration und ihrer konservativ-neokonservativen Kriegs- und Weltdominanzideologen kannte." Leyendeckers Hoffnung, daß die Regierung Bush "ein irritierendes, jedoch kurzes Intermezzo" sein werde, verbindet die drei hier besprochenen Bücher. Ob sich diese Hoffnung erfüllen oder zuschanden wird, werden wir ja bald erfahren.

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