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: Bush unter Sperrfeuer

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Nachdem der Titel "Schwarzbuch USA" schon vergeben war, hat Dietl für seine Abrechnung mit der amerikanischen Außenpolitik die Variante "Schwarzbuch Weißes Haus" gewählt. Wie in einem amerikanischen Sandwich werden zwischen dem Eingangskapitel über die "Bush-Cheney-Öljunta" und dem Schlußkapitel über den "neuen Kreuzzug gegen die islamischen Fundamentalisten" nacheinander die amerikanischen Untaten seit den fünfziger Jahren aufgeschichtet. Auch hier sprechen die Kapitelüberschriften für sich selbst: "Globale Kommunistenabwehr", "Polizeieinsätze im Hinterhof", "Der Fall Kissinger", "Konfrontation am Hindukusch", "Saddam Hussein".

Lediglich die Ära Clinton wird als Aufhellung gewertet ("Als beinahe Frieden ausbrach", oder: "Make Love Not War"). Das innenpolitische Pendant zur verwerflichen Außenpolitik der Regierung Bush ist die Errichtung des Departement of Homeland Security, das skandalöserweise schlichtweg als ein "Reichssicherheitshauptamt" bezeichnet wird. Das Bekenntnis im Vorwort prägt den Inhalt und den Stil dieser Anklageschrift: "Wir, die Nachgeborenen (der Großeltern- und Adenauer-Generation), haben Amerika selbst erlebt. Wir standen staunend zwischen den Wolkenkratzern von New York, liebten diese Stadt oder haßten sie. Dazwischen gibt es nichts." Über die Einstellung des Autors gibt es nach der Lektüre seiner Schrift keinen Zweifel.

Leyendeckers Buch ist differenzierter geschrieben. Aber es ist nicht weniger anklagend. Und da es schon ein Buch über die "Lügen des George Bush" gibt, muß auch dieser Autor seinen Buchtitel leicht variieren. Im ersten Teil wird die "Denkfabrik" der amerikanischen Regierung beschrieben - eine Art "Gruppenbiographie" der Hauptakteure: Bush ("Der Erwählte"), Dick Cheney ("Apocalypse now"), Condoleezza Rice ("Die fromme Expertin") und so weiter. Vorgeschaltet ist ein kurzes Kapitel über die Macht der neokonservativen think tanks, das sachlich-informativ ist, weil sich hier der Autor auf seriöse fachwissenschaftliche Studien stützt. Im zweiten Teil werden die "Lügenfabrik" und deren Produkte vorgestellt, selbstverständlich einschließlich der "Atom-Fälschung", die im Mittelpunkt der bereits erwähnten Wilson-Memoiren steht.

Am Schluß mutiert der investigative Journalist zum Futurologen, das heißt, er kontrastiert zwei Alternativszenarien des Jahres 2010: Ära Bush nach der möglichen Wiederwahl versus Ära Kerry. Leyendecker ist realistisch genug, um zu vermuten, daß auch ein Präsident Kerry eine hegemoniale Politik betreiben würde, die der amerikanischen Machtposition entspräche: "Auch er würde den Patriotismus hochhalten. Den Terror zwangsläufig bekämpfen. Die führende Rolle Amerikas in der Welt erhalten wollen. Und, wer weiß, auch Lügen. Aber er würde wieder jenes berechenbare Maß haben, das man vor dem Aufmarsch der Bush-Administration und ihrer konservativ-neokonservativen Kriegs- und Weltdominanzideologen kannte." Leyendeckers Hoffnung, daß die Regierung Bush "ein irritierendes, jedoch kurzes Intermezzo" sein werde, verbindet die drei hier besprochenen Bücher. Ob sich diese Hoffnung erfüllen oder zuschanden wird, werden wir ja bald erfahren.

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