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: Brutal und inkompetent

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Klaus Schmider: Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941-1944. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg 2002. 629 Seiten, 39,90 [Euro].Ein historisches Déjà-vu: Das fragile jugoslawische Staatengebilde wird zerschlagen, und übrig bleibt ein wirres Gemisch von Rumpfstaaten, Besatzungstruppen, Bürgerkriegsparteien und Unabhängigkeitsbewegungen.

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          Klaus Schmider: Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941-1944. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg 2002. 629 Seiten, 39,90 [Euro].

          Ein historisches Déjà-vu: Das fragile jugoslawische Staatengebilde wird zerschlagen, und übrig bleibt ein wirres Gemisch von Rumpfstaaten, Besatzungstruppen, Bürgerkriegsparteien und Unabhängigkeitsbewegungen. Das Ende Jugoslawiens als Beginn einer Übergangsperiode aus Chaos, Krieg, Mord und Totschlag: Das war 1991 genauso wie ein halbes Jahrhundert zuvor, als das jugoslawische Königreich 1941 im Kampf mit den Achsenmächten unterging und viele Jahre der wechselhaftesten und unübersichtlichsten Auseinandersetzungen folgten. Auch jetzt wurde und wird immer wieder an die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg erinnert, an das deutsche Bündnis mit dem faschistischen Ustascha-Regime, an die ethnischen Gegensätze und vor allem an ein Land, das weder von den Besatzungsmächten noch von ihren kroatischen Günstlingen jemals zu beherrschen war.

          Doch wie so häufig in der politischen Diskussion sprach man in historischen Reminiszenzen, ohne von dem, an das man gemahnte, mehr als nur eine dunkle Ahnung zu haben. Selbst Historiker wußten bisher nicht viel über die Wirrnisse im ehemaligen jugoslawischen Staatsgebiet unter deutscher Herrschaft. Klaus Schmider schildert erstmals eingehend den erbitterten Krieg der Wehrmacht gegen die Partisanen und stellt dieses wichtige Kapitel Militärgeschichte in seine politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Zusammenhänge. So ist dieses Buch über seinen Titel hinaus eine Geschichte der deutschen Besatzungspolitik im jugoslawischen Raum. Seine Studie ist ein gutes Beispiel sachlicher und unideologischer Geschichtsschreibung über den Anteil der Wehrmacht an Hitlers Krieg. Bedauerlich nur, daß solch wissenschaftliche Aufklärungsarbeit wieder einmal durch die branchentypische Umständlichkeit in Form und Sprache beeinträchtigt wird.

          Der Autor geht anders als viele Historiker, für die der Waffenkampf und seine Anforderungen höchstens noch ein Nebenaspekt des Krieges sind, völlig zu Recht vom militärischen Auftrag aus, das besetzte und zerteilte Jugoslawien dauerhaft zu befrieden. Den Truppen der Besatzungsmächte und ihres kroatischen Vasallen stand sehr bald eine Aufstandsbewegung gegenüber, die so schlagkräftig und straff organisiert war wie nirgends sonst in Europa. Titos Partisanen und die nationalserbischen Tschetniks kontrollierten weite Teile Jugoslawiens, so daß der deutsche Wunsch nach großer Ausbeutung bei kleinem Einsatz nicht realisiert werden konnte. Die Operationsgeschichte der deutschen Gegenmaßnahmen ist eine Kette von Mißerfolgen und verpaßten Gelegenheiten. Der unterschiedslose Terror der Partisanenbekämpfung, die Unterschätzung der schwierigen Topographie, die mangelnde Ausnutzung der Gegensätze zwischen Kommunisten und Tschetniks sowie vor allem das unnütze Festhalten an Großoperationen, die immer wieder ins Leere liefen, erreichten nur das Gegenteil.

          Doch auch der Mythos, daß Titos Volksbefreiungsarmee durch die Bindung gewaltiger Kräfte maßgeblich zur deutschen Niederlage im Osten beigetragen habe, wird von Schmider nachhaltig in Frage gestellt. Seine nüchterne Analyse zeigt, daß der Partisanenkrieg in Jugoslawien die Wehrmacht die längste Zeit nur einen Überbedarf von fünf mittelmäßigen und schwachen Divisionen "kostete". Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen waren geringer als meist angenommen. Die deutsche Ausbeutungspolitik wurde zwar durch die Partisanen weitgehend durchkreuzt, doch die Ausfälle an Bauxit, Eisenerzen, Kupfer und Chrom konnte Hitlers Kriegsindustrie stets verkraften und kompensieren.

          Hätte die Wehrmacht mehr Kräfte für den jugoslawischen Kleinkrieg investieren können, wären die Partisanen weit weniger erfolgreich gewesen. Ein skrupelloser Truppenführer wie General Rendulic schwelgte bereits in Vernichtungsphantasien: "Wenn ich 20 Divisionen hätte, dann würde ich in diesem Lande alles morden, so gut es ginge." Für diese zynische Strategie der Friedhofsruhe, die ganz nach der Doktrin des totalen Krieges Erfolg und Sicherheit mit allen Mitteln durchsetzen wollte, fehlten zum Glück die Divisionen wie auch das letzte Quentchen Rücksichtslosigkeit.

          Rücksicht mußte und wollte die Wehrmacht vor allem auf den kroatischen Satelliten sowie den italienischen Bundesgenossen nehmen. Hier sieht Schmider den Kardinalfehler des deutschen Vorgehens in Jugoslawien. Er beschreibt den Versuch einer Quadratur des Kreises: Einerseits wollten die deutschen Militärs die Partisanenbekämpfung auf ihre militärische Dimension reduzieren, andererseits hätten sie dazu aber die politischen Faktoren, die es auszuschalten galt, überhaupt erst erkennen müssen. Das Versagen der deutschen Generalität resultierte vor allem aus der Unfähigkeit, den politischen Charakter dieses Kampfes zu akzeptieren. Anders ist es kaum zu erklären, daß sich die verantwortlichen Generale nicht vehement für eine Beseitigung des kriminellen Ustascha-Regimes einsetzten. Der kroatische Staat schuf durch seine destabilisierende Politik teilweise die Brandherde, die von der deutschen "Feuerwehr" dann nicht mehr gelöscht werden konnten.

          Natürlich hätte sich mit dem Ende des Ustascha-Terrors die Lage in Jugoslawien nicht automatisch zugunsten des deutschen Besatzers verändert, doch wäre es - hier ist Schmider zuzustimmen - die politische Voraussetzung für einen militärischen Erfolg gewesen. Daß Hitler und Mussolini die kroatische Karte spielten, behinderte eine Entschärfung der politischen wie ethnischen Gegensätze und schwächte damit die deutsche Position in Jugoslawien. Und daß die Befehlshaber vor Ort nicht gegen diese verfehlte Politik einschritten, markiert ihre Kurzsichtigkeit und Verantwortungsscheu.

          Auch wenn die deutschen Rückschläge im jugoslawischen Partisanenkrieg keine kriegsentscheidende Bedeutung erhielten, offenbarten sie doch in erschreckender Weise das fatale Nebeneinander von Schwäche, Inkompetenz und Brutalität im Vorgehen der deutschen Wehrmacht und ihrer Kommandobehörden.

          JOHANNES HÜRTER

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