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: Boden- und Blutsverwandte

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Respekt vor den Vorgängergenerationen ist ein in der Natur des Menschen tief verwurzeltes Gefühl. In Deutschland kann dem nicht mehr uneingeschränkt Raum gegeben werden, schon gar nicht von denen, aus deren Familien Initiatoren und Täter der nationalsozialistischen Verbrechen stammen. Nach einer ...

          Respekt vor den Vorgängergenerationen ist ein in der Natur des Menschen tief verwurzeltes Gefühl. In Deutschland kann dem nicht mehr uneingeschränkt Raum gegeben werden, schon gar nicht von denen, aus deren Familien Initiatoren und Täter der nationalsozialistischen Verbrechen stammen. Nach einer Phase des Verschweigens oder Leugnens innerhalb der Familien setzte sich seit Ende der achtziger Jahre die zweite und die dritte Generation öffentlich mit den Taten ihrer Väter oder Verwandten auseinander - ein Prozeß, der noch nicht abgeschlossen scheint. Die Bandbreite reicht von stark emotionalisierten Abrechnungen (Hans Frank) bis zu nichtssagend unergiebigen Darstellungen (Robert Ley). Auch die Psychologie nahm sich der vermeintlich "schuldig Geborenen" (so ein Buchtitel) und deren Identitätskonflikten an.

          Die Politologin Karin Himmler, eine Enkelin von Ernst, dem jüngsten Bruder des Reichsführers-SS, verwebt die Beschreibung ihrer eigenen Spurensuche mit der von ihr rekonstruierten Familienbiographie und bietet Einblick in die Beziehungen innerhalb der Nazi-Eliten. Ausgangspunkt ist die Legendenbildung innerhalb der Familie: Die Untaten des Großonkels werden nicht bestritten, doch die stets unpolitischen Brüder Gebhard und Ernst seien, von Heinrich Himmler gedrängt, erst spät der Partei beigetreten und hätten nach 1933 kaum Kontakt mit dem Reichsführer-SS gehalten. Obwohl ihre Recherchen ursprünglich von ihrem Vater angeregt wurden, war das Echo auf ihre Nachforschungen bei der Verwandtschaft keineswegs enthusiastisch, doch kam es später bei den meisten Familienmitgliedern zu einer zwiespältigen Bereitwilligkeit, sie zu unterstützen: "Der Wunsch nach Aufklärung und die Angst vor dem, was da ans Licht kommen könnte", konkurrierten miteinander. Als die Autorin herausfand, daß die Brüder Gebhard und Ernst früher als in der Familienlegende verbreitet in die NSDAP eintraten und der SS angehörten, war ihre Neugier endgültig geweckt. Auch der Kontakt zwischen den Brüdern war immer eng und wurde nach 1933 von allen gepflegt.

          Urgroßvater Himmler hatte es als Gymnasiallehrer vor dem Ersten Weltkrieg aus eigener Kraft zu gesellschaftlicher Anerkennung und durch Heirat zu Wohlstand gebracht. Das Streben nach stetiger Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit war ein Ziel, daß er seinen drei Söhnen vermittelte. Daß dabei zeitgenössische Wertmaßstäbe, wie der der Pflichterfüllung, überbetont wurden, war nichts ungewöhnliches in Deutschland. Stark monarchistisch orientiert, verlor er durch den Untergang der Monarchie seine politische Heimat. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er jedoch nach dem Ersten Weltkrieg. 1922 wurde er zum Schulleiter des renommierten Wittelsbacher-Gymnasiums ernannt. Dem breiten Publikum ist er als "Vater eines Mörders" durch die stark verzerrende Brille von Alfred Andersch bekannt. Nach 1933 traten auch er und seine Frau der NSDAP bei. Obwohl es ihm peinlich gewesen sein muß, verwandte er sich bis zu seinem Tode stets für Verfolgte, deren Familienangehörige an ihn herangetreten waren, bei seinem mittlerweile mächtigen Sohn Heinrich.

          Der älteste der Himmler-Kinder, Gebhard, einziger Frontsoldat der drei Brüder, studierte nach dem Ersten Weltkrieg Maschinenbau. Ebenso wie Heinrich engagierte er sich in der Revolutionszeit in den bayerischen Wehrverbänden und nahm 1923 am Hitler-Putsch teil. Nach vergeblichen Versuchen, in der Industrie Fuß zu fassen, fand er seine eigentliche Berufung als Gewerbelehrer und engagierte sich daneben in der Verbandsarbeit. Seine Stunde kam mit der "Machtergreifung" von 1933. Obwohl er nicht in der ersten Reihe stand, häufte er in der Folgezeit einige Ämter an: Er war Leiter der Hauptstelle Berufsfragen im Hauptamt für Technik der NSDAP, Reichsberufswalter im NS-Bund Deutsche Technik und erreichte sogar die Position eines Referenten im Reichserziehungsministerium. In diesen Funktionen setzte er die Vergabe des Ingenieurstitels nach politischen, nationalen und rassischen Gesichtspunkten durch. Als Reserveoffizier nahm er am Überfall auf Polen teil. 1945 bis 1948 war er interniert. Als Gewerbelehrer konnte er anschließend nicht mehr tätig werden.

          Der jüngste, Ernst, studierte Elektrotechnik. In der Weltwirtschaftskrise verlor er mehrere Anstellungen und konnte im Sommer 1933, wohl mit Hilfe seines Bruders Heinrich, eine Stelle beim Reichsrundfunk antreten, wo er es bis zum Oberingenieur brachte. Aus den spärlichen Quellen geht hervor, daß er Kontakte mit dem SD pflegte. Bei den Kämpfen um Berlin 1945 kam er als Volkssturmmann unter nicht geklärten Umständen wahrscheinlich ums Leben.

          Die Brüder Heinrich Himmlers waren aktive Anhänger des Nationalsozialismus, die sich in ihren Aufgabenbereichen als politisch Handelnde begriffen, sie waren Unterstützer und Profiteure des Regimes, vom Ausmaß der Verbrechen die ihr Bruder beging, waren sie aber weit entfernt.

          Karin Himmler rundet ihre gelungene Darstellung mit der Einbeziehung weiterer Verwandter und Bekannter der Brüder Himmler mit einem häufig vernachlässigten Blick auf das Beziehungsgeflecht innerhalb des Regimes ab, das neben Hierarchie, Rang und Dienststellung wirksam war. Natürlich ist diese Familiengeschichte in erster Linie durch Heinrich Himmler von breiterem Interesse. Quellen aus der Familie ergänzen auch seine Biographie.

          KLAUS A. LANKHEIT

          Karin Himmler: Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 320 S., 19,90 [Euro].

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