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Bob Woodwards „State of Denial“ : Solche Sachen kann man nicht erfinden

  • -Aktualisiert am

Woodwards Lieblingsfeind: George W. Bush Bild: AP

Mit „State of Denial“ veröffentlichte Bob Woodward sein drittes Buch über die Bush-Regierung. Statt einer Abrechnung liest es sich wie ein Gesellschaftsroman. Woodwards Zurückhaltung könnte aber auch schlicht Ekel sein.

          Im Oktober 2004 erhielt Präsident Bush einen Brief vom irakischen Premierminister Allawi. Darin beklagte er, daß ihm bei seinen Reisen immer nur die amerikanischen Flugzeuge zur Verfügung stünden. Welchen Eindruck mache es denn, wenn der Regierungschef eines souveränen Staates immer nur aus Militärmaschinen steige, auf denen groß und breit „US Air Force“ stehe?

          Im Nationalen Sicherheitsrat trug Bush den Fall vor und entschied, der Mann solle sein eigenes Flugzeug bekommen. Mehrere Wochen später erkundigte sich ein Mitarbeiter des Weißen Hauses bei den zuständigen Militärs, wie die Sache mit Allawis Flugbereitschaft stehe, und erhielt die Antwort, man habe das heikle Problem gelöst: „Die Briten fliegen ihn jetzt herum.“ Der Mann, der Bob Woodward als Quelle für diese Anekdote dient, kommentiert: „Solche Sachen kann man nicht erfinden.“

          „Ist das Bagdad Bob?“

          Washington ist in „State of Denial“, Woodwards drittem Buch über die Bush-Regierung, die Hauptstadt der Suggestion, in der verzweifelt an die heilsame Wirkung von schönen Geschichten geglaubt wird und die damit selbst Hollywood den Rang abgelaufen haben dürfte. Fiktion und Realität sagen einander in der amerikanischen Hauptstadt gerade gute Nacht, und selbst dem stets stoischen Beobachter Bob Woodward ist das Erstaunen darüber anzumerken.

          Stets ein stoischer Beobachter: Bob Woodward

          Wenn ein mutiger CIA-Analyst sich ein Herz faßt und in der morgendlichen Lagebesprechung mit dem Präsidenten die Zahl und Heftigkeit der Anschläge im Irak herunterbetet, kann es schon mal vorkommen, daß der Präsident ihn mit einer Frage an die gesamte Runde unterbricht: „Ist das Bagdad Bob?“ - womit er den skurrilen letzten Saddam-Pressesprecher meint, der noch verkündete, die Amerikaner würden wie Schlangen zertreten, während die ersten Panzer durch die Straßen von Bagdad rollten.

          Bob Woodward, ein Insider für Insider

          „State of Denial“ ist dennoch kein Abrechnungsbuch, weit entfernt von den polemischen Bestsellern eines Michael Moore oder Frank Rich. Woodward ist kein Linker. Sein Berufsleben begann beim Militär, und er war auch Anfang der Siebziger kein Teil der studentischen und liberalen Szene, sondern bloß ein besonders sturer Handwerker. Die Autorin Nora Ephron erinnert sich an einen unauffälligen, stets höflichen, distanzierten und extrem ehrgeizigen jungen Mann, den sie kennenlernte in der Zeit, „als Woodward und Bernstein noch Carl und Bob“ waren.

          Ephron heiratete dann den amüsanten und charismatischen Carl Bernstein und schrieb später ein deutliches Abrechnungsbuch über das Scheitern der Ehe und die häßliche Scheidung, das wiederum mit Jack Nicholson und Meryl Streep verfilmt wurde. In diesen Kreisen bleibt eben nichts lange geheim. Während Bernstein sich nach einigen Bestsellern ins Privatleben zurückzog, arbeitete Bob Woodward weiter an seinem Status des berühmtesten Journalisten der Welt und außerdem als Anlaufstelle für halb Washington, ein Insider für Insider.

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