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: Blutwurst zur Exekutionspause

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Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943. Hamburger Edition, Hamburg 2003. 796 Seiten, 40,- [Euro]."Die Strafer", so wurden sie von den schicksalsgläubigen Einheimischen genannt. Aus deutscher Sicht waren sie normale Staatsdiener mit einem anormalen staatlichen Auftrag: Massenmord.

          Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943. Hamburger Edition, Hamburg 2003. 796 Seiten, 40,- [Euro].

          "Die Strafer", so wurden sie von den schicksalsgläubigen Einheimischen genannt. Aus deutscher Sicht waren sie normale Staatsdiener mit einem anormalen staatlichen Auftrag: Massenmord. Sie brachen in kleinen motorisierten Kolonnen wie apokalyptische Reiter über die Ortschaften der besetzten Sowjetunion herein und zogen erst weiter, wenn das gesamte jüdische Leben vom Kleinkind bis zum Greis ausgelöscht war. Dazu benötigten diese ungeheuerlichen Repräsentanten einer sogenannten "Kulturnation" meist nur wenige Tage, denn sie verrichteten ihr blutiges Handwerk zielstrebig und effizient, nach immer gleichem Muster. Erst wurden alle Juden erfaßt, dann wie Vieh zusammengetrieben, schließlich ohne Gnade erschossen, später auch in Gaswagen erstickt, zuletzt noch als Tote beraubt.

          Die vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD waren die "erfolgreichsten" Todesschwadronen der NS-Ideologie. In den ersten Wochen des Ostkrieges wurden zunächst nur kommunistische Funktionäre und jüdische Männer im wehrfähigen Alter ermordet. Doch schon bald, ab Mitte Juli 1941 zählten immer häufiger auch Frauen und Kinder zu den Opfern, ehe man ab Mitte August auf höchsten Befehl dazu überging, systematisch alle Juden in der Sowjetunion umzubringen. Daneben gerieten weitere Verdächtige und Unliebsame ins Visier: Rotarmisten, Flüchtlinge, Zigeuner, Behinderte. Ein Personal von nicht viel mehr als dreitausend SS-Leuten und Polizisten bildete die Kerntruppe eines Mordprogramms, das allein bis zum Jahresende 1941 etwa eine halbe Million Menschenleben verschlang. Kaum jemals zuvor in der Weltgeschichte haben so wenige Menschen so viele ermordet.

          Dieser schreckliche Beginn des Holocaust wurde schon in den Nürnberger Prozessen thematisiert, dann aber für Jahrzehnte mehr oder weniger vergessen. Erst die große Pionierstudie von Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm stellte Anfang der achtziger Jahre die Kenntnis über die Einsatzgruppen und ihre Morde auf eine solide Grundlage. Seither ist das Gesamtbild bekannt. Jedoch fehlen für viele Bereiche noch die Detailuntersuchungen. Andrej Angrick hat nun die bisher beste vorgelegt, eine Geschichte der Einsatzgruppe D, ein Buch, das für die künftige Erforschung der Einsatzgruppen neue Maßstäbe setzt.

          Angrick erzählt Geschichte, beredt, chronologisch, positivistisch, analytisch, beinahe möchte man sagen: erfrischend altmodisch. In einer Zeit, in der sich die historische Forschung bei Vernachlässigung der Fakten immer mehr mit Theorien, Diskursen und Konstrukten beschäftigt, vertraut er auf die Stärken der traditionellen Methodik. Daß dabei die Strukturanalyse nicht zu kurz kommen muß, zeigt ein Kapitel, das die Darstellung der Ereignisse unterbricht und sich eingehend dem Täterprofil zuwendet. Im Mittelpunkt stehen aber das Handeln einer deutschen Einheit und seine Bedingungen. Der Leser, der sich mehr für die - gewiß mühsame und unsichere - Rekonstruktion historischer Wirklichkeit interessiert als für Überlegungen über ihre Dekonstruktion, wird es danken.

          Der Gegenstand ist düster. Angrick beschreibt eingehend, manchmal vielleicht zu detailliert in der Wiederholung fast identischer Abläufe, entsetzliche Verbrechen zuvor ungekannten Ausmaßes. Die Einsatzgruppe D bestand aus kaum mehr als sechshundert Mann und wurde an der südlichen Flanke der Ostfront eingesetzt, erst im Verbund der 11. Armee, dann seit Mitte 1942 bei der Heeresgruppe A. Sie zog ihre Blutspur von der rumänischen Grenze über Bessarabien, die südliche Ukraine, die Krim und den Don bis in den Kaukasus hinein, ehe sie beim Rückzug der deutschen Truppen ihre Aufgabe verlor und im Mai 1943 aufgelöst wurde. Es ist ein Verdienst Angricks, daß er erstmals auch die Verbrechen der Einsatzgruppe während der Sommeroffensive von 1942 aufdeckt. Insgesamt säumten weit über einhunderttausend Tote ihren Weg.

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