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: "Blutrünstige Hunnen und kulturlose Wilde"

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Alexander Sedlmaier: Deutschlandbilder und Deutschlandpolitik. Studien zur Wilson-Administration (1913-1921). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003. 386 Seiten, 70,- [Euro].An der Politik des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson haben sich seit jeher die Geister geschieden. Den einen erscheint ...

          Alexander Sedlmaier: Deutschlandbilder und Deutschlandpolitik. Studien zur Wilson-Administration (1913-1921). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003. 386 Seiten, 70,- [Euro].

          An der Politik des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson haben sich seit jeher die Geister geschieden. Den einen erscheint er als tatkräftiger Visionär, der mit der Idee des Völkerbundes den Weg für eine zukünftige Weltregierung gebahnt hat. Für die anderen ist er ein luftiger Phantast, der utopische Ziele verfolgt habe. Wieder andere sehen in ihm einen zynischen Pharisäer, der erfolgreich darin gewesen sei, amerikanische Machtpolitik mit hehren Parolen zu verschleiern. Vor allem in Deutschland galt Wilson nach dem Ersten Weltkrieg als Verräter, der mit seinen "14 Punkten" vom Januar 1918 einen Verständigungsfrieden für Europa propagiert habe, nur um dann mit seinen Entente-Partnern in Versailles einen Siegfrieden zu dekretieren.

          Zwar wurde auch außerhalb Deutschlands Kritik an Wilsons missionarischem Eifer laut - der britische Nationalökonom John Maynard Keynes bemängelte zeitgenössisch, Wilsons Kopf sei zwar mit Prinzipien vollgestopft, er verfüge aber leider über keine Strategie. Weil jedoch nirgendwo nach dem Ersten Weltkrieg die Verbitterung so groß war wie in Deutschland, haben sich zahlreiche Studien mit dem Deutschlandbild des Pfarrersohns Wilson beschäftigt. Nicht zuletzt durch Klaus Schwabe sind wir über dessen wechselhafte Deutschlandperzeptionen informiert. Nun hat Alexander Sedlmaier die Entstehung und Entwicklung der Deutschlandbilder der außenpolitischen Entscheidungsträger der Wilson-Administration in einer instruktiven Studie nachgezeichnet.

          Präsident Wilson bestimmte die Entwicklung maßgeblich; sein Außenminister, der Völkerrechtsexperte Robert Lansing, äußerte sich in bislang wenig beachteten Propagandareden wenig differenziert über das Kaiserreich. Der wichtigste Präsidentenberater, Colonel Edward House, betrieb schließlich eine "kriegspsychologische Operationalisierung" des etablierten Feindbildes. Die alternativen Stimmen der Deutschlandexperten in Wilsons Beraterstab hatten hingegen keine Chance, sich Gehör zu verschaffen. In vielerlei Hinsicht bestätigen Sedlmaiers Ergebnisse die von Detlef Junker immer wieder hervorgehobene manichäische Weltsicht, die für die Vereinigten Staaten typisch ist.

          Sedlmaiers aus den Quellen gearbeitete Studie sieht das politische Denken der Vereinigten Staaten geprägt von "Sendungsbewußtsein, Moralismus, dualistischen Anschauungen und Dämonisierungen von Gegnern". Dies führte in der Kriegspropaganda nicht nur zur Ausbildung von Feindbildern, sondern hatte auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Deutschen. Der überwiegende Teil der Forschung ist nach wie vor der Ansicht, Wilson sei bei Kriegsausbruch noch nicht antideutsch eingestellt gewesen und die Vereinigten Staaten hätten in der Zeit zwischen 1914 und ihrem Kriegseintritt 1917 noch einige Zeit an einem Idealkonzept der "Neutralität" festgehalten. Sedlmaier dagegen plädiert für eine modifizierte Sichtweise. Hier herrscht tatsächlich weiter Klärungsbedarf, denn es besteht kaum ein Zweifel, daß es bereits bei Ausbruch des Krieges eine Vermischung von ideellen Motiven mit ganz handfesten wirtschaftlichen Interessen gab, die eine Abstimmung mit England schon 1914 nahelegten.

          Insofern war der Prozeß der Annäherung an London und der schließlich erfolgte Schulterschluß konsequent und beschrieb zugleich eine in der amerikanischen Außenpolitik des 20. Jahrhunderts immer wieder zu beobachtende Verbindung von Macht und Moral. Dabei verkennt Sedlmaier nicht, daß das Kaiserreich es der amerikanischen Administration leichtmachte, als undemokratisch und autoritär gebrandmarkt zu werden. Ohne die Defizite des Wilhelminischen Deutschland geringzuschätzen, vermittelt Sedlmaier doch das Dilemma des dynamischen Kaiserreichs, das sich das Recht herausnahm, als arrivierte Macht kraftstrotzend aufzutreten: Bei den außenpolitisch verantwortlichen Männern in Washington führte jedoch jeder Versuch, die Macht des Deutschen Reiches zu demonstrieren, "leicht zum Beweis für Aggression, Autoritarismus, Militarismus und Weltherrschaftsambition". Die "Entscheidungsträger erklärten bisweilen alles Deutsche für böse und barbarisch und machten gedanklich aus den Deutschen blutrünstige Hunnen und kulturlose Wilde". Manche Schlußfolgerungen Sedlmaiers wirken etwas holzschnittartig, zumal auch er über die tieferen Ursachen der Disposition Wilsons nur spekulieren kann, aber die von ihm zitierten Quellen bestätigen vielfach den Eindruck einer bewußten Schaffung von Feindbildern.

          Bei Wilson, der sich in seinem ersten publizierten Artikel 1877 noch wohlwollend über das junge Kaiserreich ausgesprochen und Bismarck "Brillanz" attestiert hatte, geriet das Deutschlandbild schon vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten zu einer schematischen Schwarzweißzeichnung. Bei einer Rede im November 1917 in Buffalo skizzierte er gar eine geistige Landkarte deutscher Herrschaft, die gemäß eines ausgereiften Hegemonialplans angeblich "von Hamburg bis Bagdad" reiche. Man hätte erwarten können, daß diese Kriegsrhetorik nach dem Ende des "Großen Krieges" ein Ende gefunden und manches Vorurteil auf amerikanischer Seite abgebaut worden wäre. Tatsächlich gab es solche Entwicklungen.

          Amerikanische Deutschlandexperten im diplomatischen Dienst wie William C. Bullitt und Ellis Dresel bemühten sich darum, in Washington für die junge Weimarer Republik zu werben, und befürworteten eine engere Zusammenarbeit mit den liberalen und sozialdemokratischen Kräften in Deutschland. Selbst Robert Lansing, der in den Jahren der amerikanischen Neutralität zu den kompromißlosen Deutschlandkritikern gezählt hatte, löste sich nach der Novemberrevolution schnell vom kriegerischen Feinddenken. Seine Appelle zur Versöhnlichkeit verhallten allerdings weitgehend ungehört, weil der amerikanische Präsident - nach einer Phase der Unentschlossenheit im November 1918 - seine Haltung gegenüber Deutschland trotz der bereits erfolgten Demokratisierung noch verschärfte. An die Stelle des "besonnenen Vermittlers" Wilson trat der "messianische Prophet". Es verwundert daher nicht, daß Wilson in dieser Studie nicht sonderlich gut wegkommt. Sein Deutschlandbild korrespondierte den "unrealistischen und moralistischen Komponenten" seiner "Weltordnungsideen". Die Ambivalenz und Unsicherheit über den einzuschlagenden Kurs, die auch daran gekoppelt war, daß der amerikanische Präsident seine hochfliegenden Visionen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker sukzessive den eisernen Regeln der Realpolitik unterordnete, bedeuteten jedenfalls eine schwere Hypothek für die Nachkriegszeit.

          JOACHIM SCHOLTYSECK

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