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: Blaues Blut und braune Brut

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"Wo war der Adel?" So betitelte 1934 Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe - Parteimitglied seit 1928, SA-Mann seit 1932 und nach Hitlers Machtübernahme Adjutant von Propagandaminister Goebbels - ein Buch, in dem er gemeinsam mit einer Reihe anderer adeliger "alter Kämpfer", unter ihnen Wolf Graf ...

          "Wo war der Adel?" So betitelte 1934 Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe - Parteimitglied seit 1928, SA-Mann seit 1932 und nach Hitlers Machtübernahme Adjutant von Propagandaminister Goebbels - ein Buch, in dem er gemeinsam mit einer Reihe anderer adeliger "alter Kämpfer", unter ihnen Wolf Graf Helldorf und Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, mit dem aus ihrer Sicht vor 1933 mangelnden Enthusiasmus des Adels für die nationalsozialistische Bewegung hart ins Gericht gingen. Wenn dem doch nur so gewesen wäre! Denn die jüngere adelshistorische Forschung hat in den letzten Jahren ein ganz anderes Bild des Verhältnisses von Adel und Nationalsozialismus. Eine Reihe von Arbeiten hat nicht nur die Affinität zwischen Nationalsozialismus und weiten Teilen des deutschen Adels herausgearbeitet und die Rechtsradikalisierung im deutschen Adel lange vor 1933 beschrieben, sondern auch auf die hohe Zahl adeliger NSDAP-Eintritte hingewiesen, die in vielen Fällen lange vor 1933 erfolgten, und auf die oftmals steilen NS-Karrieren von Adeligen.Während bislang in erster Linie der niedere Adel im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, und hier vor allem der preußisch-ostelbische, blieben der Hochadel, die in Deutschland bis 1918 regierenden Dynastien, aber auch die standesherrlichen Häuser, eher unterbelichtet. Dabei liest sich eine im Bundesarchiv aufbewahrte Liste hochadeliger NSDAP-Mitglieder wie ein Auszug aus dem "Almanach de Gotha". 270 Angehörige fürstlicher Familien - mit Ernst Erbprinz zu Lippe als dem ersten hochadeligen PG an der Spitze (Mitgliedsnummer 88835) - finden sich dort verzeichnet: von den Hohenzollern und Habsburgs über die Sachsen-Coburg-Gotha und Sachsen-Meiningen bis hin zu den Löwensteins, Hohenlohes, Sayn-Wittgensteins und Thurn und Taxis. Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Hochadeligen in Deutschland gehörten der NSDAP und anderen NS-Organisationen an, viele von ihnen SA und SS, und der Frauenanteil lag hier deutlich über dem allgemeinen Durchschnitt.Der gründlich recherchierten Studie des amerikanischen Historikers Jonathan Petropoulos verdanken wir jetzt neue und wichtige Erkenntnisse über das komplexe, auch spannungsreiche Verhältnis zwischen deutschem Hochadel und Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt des Buches stehen vier Prinzen von Hessen-Kassel, die Zwillingssöhne Philipp und Wolfgang (geboren 1896) sowie Richard und Christoph (geboren 1901) von Friedrich Karl Landgraf von Hessen (1868-1940) und seiner Frau Margarethe, der Tochter des Hundert-Tage-Kaisers Friedrich III. Alle vier traten bereits vor 1933 in die NSDAP ein. Ihre Eltern folgten 1938. Besonders Philipp von Hessen, nach 1945 Chef des Hauses, und sein Bruder Christoph machten im "Dritten Reich" Karriere: Philipp von Hessen als Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, als Favorit und Höfling des "Führers" sowie - verheiratet mit der Tochter des italienischen Königs - als Hitlers persönlicher Emissär zu Mussolini; Christoph von Hessen als Leiter des Forschungsamts im Reichsluftfahrtministerium und damit von Hermann Görings Geheimdienst, und zwar als SS-Offizier (Oberführer) und während des Zweiten Weltkrieges als Luftwaffenoffizier. 1943 kam er bei einem Flugzeugabsturz in Italien ums Leben.Doch das Buch reicht über die schillernden Biographien der Prinzen von Hessen und ihre Verstrickung in das NS-Regime und seine Verbrechen weit hinaus. Es analysiert exemplarisch die Beziehung zwischen den Angehörigen deutscher Fürstenhäuser und dem Nationalsozialismus und fragt nach den jeweiligen Gründen für die Annäherung. Denn nicht nur versuchten sich viele Adelige dem Nationalsozialismus anzudienen, sondern auch führende Nationalsozialisten, darunter Hitler selbst, hatten Interesse daran, Angehörige insbesondere des hohen Adels an sich und die Partei zu binden.Den Adeligen ging es vielfach um neue Karrierechancen in NS-Organisationen, aber auch in traditionellen Adelsdomänen wie Militär, Verwaltung und Diplomatie; außerdem erblickten sie in der Annäherung an den Nationalsozialismus und seine führenden Repräsentanten auch Chancen, das Vermögen ihrer Häuser, vor allem den Grundbesitz, zu sichern (nicht zuletzt vor den auch für den Adel geltenden Erbrechtsregelungen des BGB). Aber auch die NS-Größen profitierten ihrerseits von der Nähe zu den Exponenten des Hochadels. In vielen Fällen machten Angehörige fürstlicher Häuser die Aufsteiger-Elite des Nationalsozialismus mit ihrem Streben nach sozialer Anerkennung erst gesellschafts- und salonfähig. In der High Society des "Dritten Reiches" jedenfalls spielte der Hochadel eine wichtige Rolle: Hitler, Göring, Goebbels und Himmler ließen kaum eine Gelegenheit aus, sich mit Angehörigen der Hocharistokratie an ihrer Seite zu schmücken. Dieser Schulterschluss von alter und neuer Elite zeigte auch gesellschaftliche Wirkung und dürfte insbesondere in den ersten Jahren nach 1933 zur populären Verankerung der NS-Herrschaft beigetragen haben. Das belegen öffentliche Reaktionen aus Kronberg, wo das Haus Hessen-Kassel im Februar 1933 auf seinem Schloss Friedrichshof mit dem Hakenkreuz flaggte.Doch der Nutzen des hohen Adels reichte weit über die deutsche Gesellschaft hinaus; er hatte eine europäische Dimension. Denn die fürstlichen Familien waren keine deutschen, sie waren europäische Familien. Auf Grund ihrer engen verwandtschaftlichen Beziehungen und der immer wieder erneuerten Heiratsbande konstituierten sie, um es modern auszudrücken, eine supranationale oder transnationale Elite. Die Mutter der vier Hessen-Prinzen war nicht nur eine Schwester von Kaiser Wilhelm II., sondern auch eine Enkelin von Queen Victoria. Philipp von Hessen war Schwiegersohn des italienischen Königs; sein Bruder Christoph heiratete 1930 Prinzessin Sophie von Griechenland, die Schwester von Prinz Philipp, des späteren Herzogs von Edinburgh. Doch Petropoulos bleibt bei diesen dynastisch-genealogischen Aufschlüsselungen nicht stehen, sondern er wendet sie ins Politische, ob das nun die Italien-Missionen Philipps von Hessen betrifft, die am Auswärtigen Amt vorbei direkte Kontakte zwischen Hitler und dem "Duce" etablieren sollten, oder ob es die intensiven Kontakte zwischen dem englischen Königshaus und dem Haus Hessen im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs, ja noch im Sommer 1939, betrifft. Die bis heute nicht vollkommen geklärte Frage nach der Rolle des Hauses Windsor im Kontext der Appeasementpolitik und nach der prodeutschen Positionierung einiger Royals kann freilich auch Petropoulos nicht beantworten. Der Zugang zu entscheidenden Akten der Windsors blieb ihm verwehrt. Das nährt Spekulationen.Dies gilt auch für das im Selbstverlag erschienene Buch von Alexander vom Hofe, Enkel von Heinrich Prinz zu Schaumburg-Lippe (1894-1952). Er dokumentiert seine jahrelangen Recherchen zu den Vermögensverhältnissen und Erbauseinandersetzungen im Hause Schaumburg-Lippe. Im Kern geht es dem Autor um den Nachweis, dass 1936, nach dem Tod des letzten regierenden Bückeburger Fürsten, dessen Bruder Wolrad von Schaumburg-Lippe, der neue Chef des Hauses, das ungeteilte Alleineigentum am Vermögen des Hauses für sich und seine Nachkommen zu sichern versucht habe, indem er sich vorbehaltlos in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes stellte. Und während zwei weitere Brüder, der Diplomat Stephan von Schaumburg-Lippe und der Goebbels-Adjutant Friedrich Christian von Schaumburg-Lippe, durch ihre NS-Karriere, billige Abfindungen und Aussichten auf üppige Landdotationen im Osten zufriedengestellt worden seien, habe man mögliche Ansprüche des vierten Bruders, Heinrich von Schaumburg-Lippe (des Großvaters des Verfassers). durch seine Denunziation als Regimegegner verhindern wollen.Viel interessanter als die Vermögensauseinandersetzung, die vom Hofe in einen Rahmen von Spekulationen und Verschwörungstheorien stellt, ist das in der Publikation reich dokumentierte Material aus einer Vielzahl von Archiven. Es gibt Auskunft über die Lebenswege zwischen 1933 und 1945 einer weiteren Gruppe von vier Prinzen, diesmal aus dem Hause Schaumburg-Lippe. So schließt das ansonsten in seiner Struktur nicht sonderlich systematische und in seiner Argumentation nicht stringente Buch an Petropoulos an und erhellt an weiteren individuellen Beispielen viele Ergebnisse von dessen Studie. Und noch eines verbindet die beiden Bücher: Auch Alexander vom Hofe blieben wichtige Privatarchive oder familienbezogene Bestände in öffentlichen Archiven verschlossen. Das fördert nicht nur kühne Hypothesen, sondern es lenkt auch Fragen auf die betroffenen Adelsfamilien und ihr Selbstverständnis. Denn solche Zugangssperren sind leider kein Einzelfall. Wer aber stets den öffentlichen Charakter von Adelsherrschaft und Adelskultur betont und deren Erbe auch durch Inanspruchnahme öffentlicher Mittel pflegt, der darf sich mit Blick auf die Familienarchive nicht plötzlich auf das Argument der Privatheit zurückziehen. Das gilt ganz besonders für die Frage nach der Rolle des Adels im Nationalsozialismus. Hier ist es höchste Zeit, dass eine jüngere Adelsgeneration endlich die Familienarchive öffnet und damit auch diejenige Liberalität an den Tag legt, die man in der Geschichte des deutschen Adels im 20. Jahrhundert so lange hat vermissen müssen.ECKART CONZE.Alexander vom Hofe: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem. Selbstverlag Vier Prinzen S.L., Madrid 2006 (zu beziehen über: vomhofe@tconsultalia.com). 390 S., 35,- [Euro].Jonathan Petropoulos: Royals and the Reich. The Princes of Hessen in Nazi Germany. Oxford University Press, Oxford 2006. 524 S., £ 20,-.

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