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: Ausnahme

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Als Henning Scherf zum Finanzsenator Bremens ernannt worden war, zeigte er seinem Bruder das neue Dienstzimmer. Da sie vom Badesee aus dorthin radelten, kam er zur Verblüffung nicht nur des Pförtners barfuß und mit nassem T-Shirt. Solche Anekdoten gibt es zum früheren bremischen SPD-Vorsitzenden und Bürgermeister zuhauf.

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          Als Henning Scherf zum Finanzsenator Bremens ernannt worden war, zeigte er seinem Bruder das neue Dienstzimmer. Da sie vom Badesee aus dorthin radelten, kam er zur Verblüffung nicht nur des Pförtners barfuß und mit nassem T-Shirt. Solche Anekdoten gibt es zum früheren bremischen SPD-Vorsitzenden und Bürgermeister zuhauf. Der Journalist Mauersberger hatte als Chefredakteur bei Radio Bremen in den Achtzigern genügend Nähe, um eine Biographie des im Lebensablauf wie in seiner Haltung ungewöhnlichen Politikers wunderbar lesbar zu schreiben; und genügend Distanz, um auch auf Schwächen zu weisen eines Menschen, der das Freie und Unkonventionelle stilisierte und genoss. Mauersberger schildert, wie einer Politik gestaltete außerhalb üblicher Wege und Einfluss behielt dank geradliniger Aufrichtigkeit.

          Dass Scherf auch hart und berechnend sein konnte, unterschlägt der Autor nicht - vermutlich unumgänglich für jemanden, der schon als junger Mann überraschend Landesvorsitzender wurde und mehr als ein Vierteljahrhundert lang in der Regierung saß als Senator, davon ein Jahrzehnt als Bürgermeister. In jenen Jahren blieb Scherf sich treu und glitt dennoch von links zur Mitte - die SPD-Linke spöttelte und prägte den Begriff "Scherfismus". Sein langjähriger Rivale und Koalitionspartner Bernd Neumann (CDU) schätzte ihn als verlässlich und als Garanten der großen Koalition in Bremen. Scherf führte aber auch Sitzungen des Bundesrats schlampig und oft verheddert wie kein anderer Landeschef. Er wollte mehr Zeit haben für Dinge außerhalb der Politik und brauchte doch, innerlich zerrissen, die Macht als Droge. Vorbildlich bringt der Autor Leben und Persönlichkeit Scherfs nahe. Wenig deutlich aber wird dem Leser dessen Lebensleistung nicht nur als Meister der Kompromisse in Land und Bund, sondern auch in der Gestaltung der Landespolitik. Zum einen steuerte er sein Land in einem Umfeld, in dem die Stimmung besser war als die Lage. Zum anderen gab er über Bremen hinausreichende Anregungen etwa bei der Reform der Psychiatrie oder der Neuordnung sozialer Dienste - auch da ein typischer Scherf mit einem vernünftigen Ansatz, aber einer schwierigen Umsetzung.

          ROBERT VON LUCIUS

          Volker Mauersberger: Henning Scherf. Zwischen Macht und Moral - eine politische Biographie. Verlag Edition Temmen, Bremen 2008. 362 S., 22,- [Euro].

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