https://www.faz.net/-gqz-104a1

: Aufstiegsorientierte Arbeitskräfte

  • Aktualisiert am

Der Bauer, so lautet eine Volksweisheit, bekomme die Krise als Erster zu spüren und gehe als Letzter an ihr zugrunde. Wer ihn aber um Hof und Scholle bringt, bringt ihn um alles. Den Bauern von Mödritz, einer kleinen Ortschaft im vom Krieg verschonten Südmähren, geschah dies in den Morgenstunden des 31.

          Der Bauer, so lautet eine Volksweisheit, bekomme die Krise als Erster zu spüren und gehe als Letzter an ihr zugrunde. Wer ihn aber um Hof und Scholle bringt, bringt ihn um alles. Den Bauern von Mödritz, einer kleinen Ortschaft im vom Krieg verschonten Südmähren, geschah dies in den Morgenstunden des 31. Mai 1945. Um sechs Uhr früh hatten tschechische "Partisanen" mit Gewehrkolben gegen die Türen getrommelt, zwei Stunden später mussten die Mödritzer die Hausschlüssel abgeben und sich mit ihrem Handgepäck in den langen Zug einreihen, der als "Brünner Todesmarsch" in die Geschichte eingehen sollte. Vier Mödritzer entzogen sich ihm durch Selbstmord.

          Für 14 Millionen Deutsche bedeutete die Niederlage Hitler-Deutschlands Verlust der Heimat, Entwurzelung, Verarmung und soziale Deklassierung, alle mussten nach 1945 einen neuen Anfang wagen. Für die Millionen deutscher Bauern in Ost-, Mittel- und Südosteuropa aber bedeuteten Flucht und Vertreibung das Ende ihrer bäuerlichen Existenz als solcher, es entzog ihnen unwiederbringlich ihre Lebensgrundlagen. Boden lässt sich nicht vermehren, sondern lediglich neu aufteilen. In den Vertreiberstaaten verschaffte die Übertragung des geraubten Bodens an die landlosen Massen den kommunistischen Parteien sozialen Konsens und bereitete den logisch nächsten Schritt vor, nämlich die Enteignung und Kollektivierung der nichtdeutschen Bauern. Gleichwohl ging Stalins Plan nicht auf, durch den "Export" hungernder ländlicher Massen die westlichen Besatzungszonen zu destabilisieren und auch dort einen Verteilungskampf um Haus und Hof zu initiieren, der mit der Umwälzung der Eigentumsordnung und der Installierung eines prosowjetischen Regimes enden sollte.

          1953 klagte Heinrich Albertz, damals sozialdemokratischer Sozialminister in Niedersachsen, im "Neuen Vorwärts", der Lastenausgleich berühre "auch nicht im entferntesten eine Revision der Besitzverhältnisse zugunsten der besitzlos Gewordenen und Entwurzelten und tastete nicht einmal die Gewinne, die nach der Währungsreform . . . von einigen wenigen erzielt worden sind, in irgendeiner spürbaren Weise an." Zum Wohle der neuen Bundesrepublik hatte Ludwig Erhards Marktwirtschaft die ökonomischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass - wie es der Historiker Andreas Kossert formuliert - "die Lastenausgleichsabgabe nicht aus der Substanz, sondern aus den Erträgen erwirtschaft" werden konnte.

          "Dass die Aufnahme der 14 Millionen nicht zur politischen Dauermalaise wurde und die befürchtete Radikalisierung ausblieb", so Kosserts zentrale These, "dafür zahlten die Vertriebenen mit Verleugnung ihres Schmerzes und kultureller Selbstaufgabe. Schlesier, Ostpreußen, Pommern, Deutschböhmen und Banater Schwaben, die über Jahrhunderte beigetragen haben zur Vielfalt der deutschen Identität, hatten fern der Heimat nichts mehr zu melden. Sie mussten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte." Es gibt mittlerweile zahlreiche neuere Arbeiten zur Vorgeschichte, zum Verlauf und den Folgen der Vertreibung von 14 Millionen Deutschen und zu deren Aufnahme in Deutschland. Kosserts Buch unterscheidet sich von ihnen durch den Versuch, das Schlusskapitel der deutschen Katastrophe aus der Perspektive der Vertriebenen von der ersten bis zur dritten Generation zu erzählen und zugleich deutlich zu machen, wie radikal Flucht und Vertreibung die deutsche Gesellschaft veränderten.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.