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: Auflösung und Auferstehung

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Was ist historische Demoskopie? Es ist der Versuch, für Zeiten und Gesellschaften, in denen es noch keine Meinungsumfragen gab, dennoch ein möglichst repräsentatives Stimmungsbild zu ermitteln. Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher selbst haben vor einigen Jahren die historische Demoskopie auf die allgemeine deutsche Geschichte der vergangenen 200 Jahre angewandt.

          Was ist historische Demoskopie? Es ist der Versuch, für Zeiten und Gesellschaften, in denen es noch keine Meinungsumfragen gab, dennoch ein möglichst repräsentatives Stimmungsbild zu ermitteln. Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher selbst haben vor einigen Jahren die historische Demoskopie auf die allgemeine deutsche Geschichte der vergangenen 200 Jahre angewandt. Ihre Quelle waren Vornamen, die Deutsche ihren Kindern gaben. Ihr neues Buch wendet dieses Instrumentarium auf die deutsch-jüdische Geschichte an. Gestützt auf einen Datensatz von über 200 000 Personen, den das Bundesarchiv erstellt hat, fragen sie danach, welche Namen deutsche Juden ihren Kindern gaben und was dies über die Haltung der Eltern aussagt. Entstehen soll eine Art jüdische Mentalitätsgeschichte seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die vor allem über die jeweiligen Identitäten Auskunft gibt. Die Selbstdefinition ist das eigentliche Thema dieser Geschichte der deutschen Juden.

          Die beiden Autoren bringen ihre Ergebnisse auf einen relativ einfachen Nenner: Zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich" spricht die Namensgebung für eine Abwendung von der jüdischen Identität. Jüdische Eltern gaben ihren Kindern immer öfter Namen der deutsch-christlichen Mehrheitsbevölkerung. Der dabei am häufigsten gewählte männliche Name war zwischen 1860 und 1938 "Max". Der auf Platz sieben geführte "Siegfried" wurde als Name für Juden schließlich so verbreitet, dass er selbst als jüdisch galt. Bei Mädchennamen ist der Befund ähnlich. Hier schaffte es überhaupt kein eindeutig jüdisch konnotierter Name unter die ersten zehn der beliebtesten Vornamen. Nach 1945 wandelte sich das Bild. Nun wird die Hitliste von "Miriam" und "David" angeführt. Das ist die große Linie. Im Detail sind die Daten differenzierter zu betrachten. Es gibt Unterschiede zwischen dem Land und der Stadt, und eine Hinwendung zu jüdischen Namen ist während der dreißiger Jahre schon festzustellen, bevor die Nationalsozialisten die Namensgebung einschränkten. Offenbar führte der Druck der Verfolgungen seit 1933 dazu, dass sich Juden in der Breite stärker zum Jüdischen bekannten.

          Ist aus diesen Befunden nun eine Geschichte der deutschen Juden seit dem Kaiserreich geworden, wie es der Untertitel verspricht? Die Antwort ist: nicht ganz - aber doch ein gutes Stück weit. Der ausgewertete Datensatz ist tatsächlich beeindruckend, und er gewährt bei allen methodischen Schwierigkeiten ohne Zweifel einen guten Einblick in das Weltbild deutscher Juden. Der etwas spröden Materie der Statistiken und Daten versuchen beide Autoren dadurch zu entkommen, dass sie die quantitativen Befunde mit Selbstaussagen von einzelnen bekannten und weniger bekannten Juden verbinden, darunter auch solchen aus der Familiengeschichte von Michael Wolffsohn. Dieser Wechsel zwischen quantitativ argumentierenden und qualitativ darstellenden Passagen ist eine gute Entscheidung, gewährt er doch eine bessere Einordnung in die allgemeine Geschichte. Es hätte aber wohl noch mehr gestalterischer Sorgfalt der Autoren bedurft.

          Auch in anderer Hinsicht schwankt das Buch etwas zwischen unterschiedlichen Polen. So mischen sich in die wissenschaftliche Argumentation immer wieder mit Verve geschriebene aktuelle Kommentare. Zum ersten Mal, so der Tenor, würden sich Juden in Deutschland heute in ihrer Mehrheit selbstbewusst zu ihrer jüdischen Identität bekennen und gleichzeitig aktiv an dieser Gesellschaft teilnehmen. Nach der von den Autoren diagnostizierten doppelten "Auflösung" (durch Akkulturation und Assimilation zunächst und dann durch die "Endlösung") sei es nach 1945 zur "Auferstehung" der deutschen Juden gekommen. Sie sind, so könnte man sagen, zum ersten Mal in ihrer Geschichte tatsächlich in Deutschland angekommen. Ganz in der Gegenwart schließt der Band dann auch mit zehn Thesen zur Integration von Minderheiten, in denen die Ergebnisse auf die Situation der Muslime in Deutschland angewandt werden. Vor allem warnen Wolfssohn und Brechenmacher vor allzu großen Hoffnungen auf Integration durch sprachliche und kulturelle Angleichung. Den deutschen Juden jedenfalls nützte weder das eine noch das andere. Erfolgreich war eher das diagnostizierte "Mitmischen aus der Distanz" von heute.

          "Die Geschichte der deutschen Juden kann nur rückwärts geschrieben werden." Der von Shulamit Volkov stammende Satz bezieht sich auf den nationalsozialistischen Völkermord. Wolffsohn und Brechenmacher nehmen die Situation von heute zum Ausgangs- und Zielpunkt. Bezogen auf eine "Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute" ist das nicht in allen Passagen rund, anregend und interessant ist es allemal.

          FRIEDRICH KIESSLING

          Michael Wolffsohn/Thomas Brechenmacher: Deutschland, jüdisch Heimatland. Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute. Piper Verlag, München 2008. 366 S., 22,90 [Euro]

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