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: Aufklären und Verschweigen

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Lamya Kaddor ärgert sich über die Unwissenheit muslimischer Kinder und Jugendlicher über den Koran. Die meisten sind dem Islam eng verbunden, aber sie kennen den Koran nicht. Viele können die Verse (Suren) im arabischen Original nicht lesen - sie können sie also überhaupt nicht lesen. Sie kennen ...

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          Lamya Kaddor ärgert sich über die Unwissenheit muslimischer Kinder und Jugendlicher über den Koran. Die meisten sind dem Islam eng verbunden, aber sie kennen den Koran nicht. Viele können die Verse (Suren) im arabischen Original nicht lesen - sie können sie also überhaupt nicht lesen. Sie kennen einzelne Worte nur auf Arabisch und können sich nichts darunter vorstellen, weil sie im deutschen Sprachraum aufwachsen. Andere finden so wenig Zugang zum Koran wie christliche Kinder zur Erwachsenenbibel.Der Koran macht die Lektüre schon deshalb besonders schwierig, weil die 114 Suren weder thematisch noch chronologisch, sondern ihrer Länge nach geordnet sind, so dass Wiederholungen und Zusammenhanglosigkeit zum Programm gehören. Um inhaltliche Zusammenhänge herzustellen, hat die junge Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gemeinsam mit der Konvertitin Rabeya Müller einen Kinderkoran im C. H. Beck Verlag herausgebracht, der die Lektüre des Originals keineswegs ersetzen, sondern den Weg dorthin ebnen soll. Lamya Kaddor übernahm die Aufgabe als Vertretungsprofessorin islamische Religionspädagogik an der Universität Münster kommissarisch von Mitte 2007 bis Anfang 2008 und unterrichtet seit fünf Jahren an einer Hauptschule in Nordrhein-Westfalen Islamkunde. Die beiden Frauen begehen dabei mehrere Sakrilege, die ihnen schon jetzt erheblichen Gegenwind von strenggläubigen Muslimen eingebracht haben. Sie benutzen das Offenbarungsbuch als Quelle und ordnen die Verse völlig neu. Die Kapitel sind thematisch geordnet und auch so konzipiert, dass sich interreligiöse Vergleiche für nichtmuslimische Kinder und Erwachsene leichter anstellen lassen. So beginnt der Kinderkoran nach der arabischen Eröffnungsformel "Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen" mit einem ersten Kapitel über Gott. Es folgen weitere über die Schöpfung, die Mitmenschen, Propheten und Gesandte, Mohammed, Ibrahim, über Musa, der seine Kindheit in Ägypten verbringt, und Isa, den Sohn Maryams (Parallelfigur zu Jesus), über vorbildliche Frauen, über das Paradies und über die Hölle. Links findet sich der arabische Text, rechts eine allgemeinverständliche deutsche Übersetzung in einer für größere Kinder und Erwachsene leicht lesbaren Form. Der Beginn der einzelnen Suren ist symbolisch gekennzeichnet.Weit größeren Anstoß als die thematische Ordnung der Suren erregten jedoch die Miniaturen der islamischen Tradition. In ihnen werden auch Propheten und der Erzengel Gabriel mit Gesichtszügen gezeigt. Die Autorinnen haben sie nicht wegretuschiert und begründen ihre Entscheidung damit, jüngeren Lesern einen unverstellten Zugang zur islamischen Kunst bieten zu wollen. Eltern, Lehrer oder Erzieher sollten die jugendlichen Leser auf das Bilderverbot im Islam hinweisen, meinen die Autorinnen. Jedenfalls wollen sie die Miniaturen nicht als Herausforderung, sondern als Hochachtung vor der künstlerischen Tradition des Islam verstanden wissen. Sie wollen das frühere Verständnis im alten Persien und im Osmanischen Reich wiederbeleben, wonach Gott niemals abgebildet werden darf, der Prophet indessen schon. Die liberaleren Betrachter werden um die kostbaren Bilder froh sein. Denn sie sind wegen des Bilderverbots so gut wie nie zu sehen. Überhaupt ist der Kinderkoran eine ausgesprochen bibliophile Ausgabe, die vor allem durch die Erläuterungen im Anschluss an jedes Kapitel gewinnt. Ob es wirklich sinnvoll ist, nur von mutigen Frauen im Koran zu berichten und Maria als "Prototyp einer selbständigen Frau" darzustellen, die nach westlich-aufgeklärtem Verständnis gewalttätigen Verse wie den Prügelvers (ein Mann darf seine Frau schlagen) jedoch zu verschweigen, ist fragwürdig. Das gilt auch für die Unterschlagung von Scharia oder Dschihad.Die Absicht der Autorinnen ist es ganz offensichtlich, einen liberalen, gewaltfreien und mit der Moderne kompatiblen Islam zu zeigen und nicht etwa die üblichen westlichen Reflexe (Zwangsheirat, Ehrenmorde, Terror) herauszufordern. Etwas gewollt wirkt die geschlechtergerechte Sprache in den Kommentaren (Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime). Aber christliche Didaktiker wird das nicht überraschen: Auf der gezielten Auswahl beruht auch das Prinzip der Kinderbibeln, die durchaus die Apokalypse und die strafenden Seiten Gottes beiseitelassen oder besänftigen. Die Verdienste des Korans für Kinder werden dadurch nicht geschmälert.(oll.)Der Koran für Kinder und Erwachsene. Übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller. C. H. Beck Verlag 2008. 236 Seiten. 19,90 Euro

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