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: Auch in Ungarn gibt es immer eine Alternative

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Humor und Satire sind keine exakten Universalwissenschaften, sondern Kronzeugen der jeweiligen Leitkulturen. Worüber Dänen lachen können, finden Araber beleidigend und schlimmstenfalls todeswürdig. Wenn der Österreicher Paul Lendvai als Quintessenz seines jüngsten Buches über Ungarn den satirischen Aphorismus ...

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          Humor und Satire sind keine exakten Universalwissenschaften, sondern Kronzeugen der jeweiligen Leitkulturen. Worüber Dänen lachen können, finden Araber beleidigend und schlimmstenfalls todeswürdig. Wenn der Österreicher Paul Lendvai als Quintessenz seines jüngsten Buches über Ungarn den satirischen Aphorismus seines Landsmanns Karl Kraus zitiert: "Am Chauvinismus ist nicht so sehr die Abneigung gegen die fremden Nationen als die Liebe zur eigenen unsympathisch", dann mag er bei seinen deutschen Lesern gewonnen haben, doch bei den Ungarn hat er ein Problem. Denn die Liebe zur eigenen Nation ist den Magyaren so heilig wie zum Beispiel den Franzosen, die ihre großen Reden und ihre Feiern traditionell mit einem Hoch auf die eigene Nation beenden: "Vive la France!". Der deutschsprachige Raum ist mit seiner gegenwärtigen publizistischen Distanz zur eigenen Nation eher die Ausnahme denn die Regel in der Europäischen Union.

          Lendvai betitelt sein Buch über "Ungarn im Umbruch" mit "Mein verspieltes Land". Wer es lesen will, fragt sich zunächst, ob er "verspielt" im Sinne des ebenso gedankenlosen wie folgenschweren Verlierens gebraucht oder von "unkonzentriert", "tändelnd" oder "kindisch". Doch Letzteres hat Lendvai nicht im Sinn, sein Befund ist eine bittere Abrechnung des gebürtigen Ungarn mit der Entwicklung seiner einstigen Heimat in den zwei Jahrzehnten seit der Wende von 1989. Die Enttäuschung des erfahrenen Journalisten ist auf jeder einzelnen Buchseite zu spüren. Doch der Enttäuschung ist wohl eine Täuschung vorausgegangen: die Annahme, mit der politischen Wende gehe eine massenhafte persönliche Wende einher, zum Beispiel der alle umfassende Verzicht auf Eigennutz und die Arm und Reich vereinigende Hinwendung zum Gemeinwohl.

          Aktualität, ja Brisanz gewinnt das Buch nicht wegen der guten Porträts aus der Wendezeit, sondern wegen Lendvais Fundamentalkritik am jetzt wieder amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Ihn hält der Verfasser offenbar für einen gefährlichen Menschen, obwohl der Vorsitzende der Partei "Fidesz" in seiner ersten Regierungszeit von 1998 bis 2002 im europäischen Vergleich nicht als Belzebub gegolten hatte. Ausgangspunkt des Verdikts ist Orbáns Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament. Diese erlaubt es ihm tatsächlich, auf legalem Wege die Verfassung vollkommen umzugestalten - Verfassungsänderungen sind in Ungarn ebenso wenig den Entscheidungen des Volkes vorbehalten wie in Deutschland.

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