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: Ansichten und Absichten

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Im sudanesischen Darfur spielt sich derzeit laut Einschätzung der Vereinten Nationen die weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe ab. Das vor einigen Monaten unterzeichnete Friedensabkommen, mit heißer Nadel gestrickt und unter Druck der EU und der Vereinigten Staaten durchgesetzt, hat Darfur keinen Frieden gebracht, im Gegenteil.

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          Im sudanesischen Darfur spielt sich derzeit laut Einschätzung der Vereinten Nationen die weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe ab. Das vor einigen Monaten unterzeichnete Friedensabkommen, mit heißer Nadel gestrickt und unter Druck der EU und der Vereinigten Staaten durchgesetzt, hat Darfur keinen Frieden gebracht, im Gegenteil. Neue Fraktionen und Fronten entstanden, Übergriffe und Auseinandersetzungen haben seither noch zugenommen, die Versorgungslage ist prekärer denn je. Die Tragödie in Sudan sei nicht zuletzt, so meint eine Reihe von Afrika-Spezialisten, auf das Versagen der internationalen Gemeinschaft zurückzuführen. Sie habe, obwohl sie es hätte besser wissen müssen, durch Routine-Diplomatie, Trägheit und mangelnde Courage zahllose Menschen dem sicheren Tod geweiht.

          Der Afrika-Korrespondent Thilo Thielke läßt an den Diplomaten ebenfalls kein gutes Haar. In seinem mit flotter Feder formulierten Reportageband zeichnet er ein höchst desillusionierendes, zuweilen zynisches Porträt der Afrika-Politik des Westens und der Vereinten Nationen. Besonders bösartig geraten dem Autor Bemerkungen über die Entwicklungshelfer, die "Freischärler des Altruismus", die er - Ausnahmen bestätigen die Regel - als naiv, überfordert oder eitel charakterisiert: "Im Moment ist Afghanistan der letzte Schrei in der Helferszene. Da ist die Action, da sind die Kameras. Man will ja nicht nur Gutes tun, sondern dabei nach Möglichkeit auch gefilmt werden." Aber auch afrikanische Politiker bekommen reichlich ihr Fett weg. Und dies zu Recht: Die Regierung in Khartum ignoriert dreist die Aufforderung, ihre Mördermilizen zu entwaffnen, verweigert mit Nachdruck die Stationierung von UN-Blauhelmen im Land, bläst gar zur Jagd auf westliche Vertreter i Sudan und setzt auch nach dem Friedensabkommen ihre Terrorpolitik fort. Die führenden Vertreter der Rebellen sind in der Regel korrupt und brutal, "sinistre Warlords" und "kleine Gangster". Die Afrikanische Union (AU), in welcher der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi seit einiger Zeit die Fäden zieht, ist völlig unfähig, im Krieg zu vermitteln und Gewalttaten zu verhindern. Anhand eines Gesprächs mit einem hochrangigen Vertreter der Union führt der Autor eindrucksvoll vor, daß zumindest einigen Offiziellen der AU das Schicksal der Menschen in Darfur egal ist.

          Im Zentrum des Buches steht eine Reise, die Thielke zusammen mit einem anderen Journalisten im vergangenen Jahr durch Darfur machen konnte. Ein offizielles Visum der Regierung in Khartum bekam er natürlich nicht. So schmuggelte er sich auf eigene Gefahr aus dem Nachbarland Tschad illegal über die Grenze und bewegte sich im Gefolge der Rebellen der Sudan Liberation Army vorwärts. Ebenso beeindruckend wie niederschmetternd sind Schilderungen der Schicksale einfacher Menschen, der Opfer des Krieges in Darfur. Der achtzehnjährige Faisal Mohammed Wadi berichtet, wie die Stadt Khor Abeche von den Regierungsmilizen dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die gleichaltrige Asisa Ahmed Issa, die ihre Familie und all ihr Hab und Gut verlor, konnte sich in den Tschad retten. Seinen Reisebericht garniert Thielke mit Abschnitten zur Geschichte Sudans. So notwendig der historische Hintergrund zum Verständnis des gegenwärtigen Konfliktes ist, so verwirrend sind die über mehrere Kapitel verstreuten Informationen. Überdies kommen allzu ausführlich deutsche Afrika-Reisende des neunzehnten Jahrhunderts zu Wort. Ob die über viele Seiten unkommentiert zitierten, aus ethnographiegeschichtlicher Sicht sicherlich sehr aufschlußreichen Eindrücke aus der Feder von Alfred Edmund Brehm, Hermann Fürst von Pückler-Muskau oder Gustav Nachtigal die Analyse des Genozids in Südsudan schärfen helfen, erscheint doch zweifelhaft. Schließlich bedient der Autor gelegentlich das Stereotyp, die afrikanischen Antipoden seien in die Steinzeit und in atavistisches Verhalten "zurückgefallen", wo er doch an anderer Stelle sehr deutlich zeigt, wie "modern" der Krieg in Sudan ist.

          Für Thielke steht nach seiner Fahrt durch Sudan fest: Entwicklungshilfe bewirkt oft das Gegenteil des Beabsichtigten und unterstützt die Falschen. Er zitiert unter anderem den kenianischen Ökonomen James Shikwati, der vehement "Hilfe durch Nichthilfe" fordert und mit Blick auf Sudan zetert: "Wer 700 Millionen Dollar an Öleinnahmen verschleudern kann, der braucht auch keine Hilfe. Das wäre doch das völlig falsche Signal." Den hungernden Menschen in den Flüchtlingslagern mag dieser Hinweis freilich akademisch erscheinen.

          ANDREAS ECKERT.

          Thilo Thielke: Krieg im Lande des Mahdi. Darfur und der Zerfall des Sudan. Magnus Verlag, Essen 2006. 400 S., 14,95 [Euro].

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