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: Annäherungen

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DER IRAK war unter Saddam Hussein ein kaum zugängliches Land. Jetzt haben Terror und Entführungen dazu geführt, daß sich nur wenige Ausländer dorthin wagen. Wie Iraker über die jüngsten Veränderungen denken, ist nur schwer zu erfahren. Zwei Annäherungsversuche an den Nachkriegs-Irak sind jetzt erschienen, die einen biographischen Umweg über Deutschland nehmen.

          DER IRAK war unter Saddam Hussein ein kaum zugängliches Land. Jetzt haben Terror und Entführungen dazu geführt, daß sich nur wenige Ausländer dorthin wagen. Wie Iraker über die jüngsten Veränderungen denken, ist nur schwer zu erfahren. Zwei Annäherungsversuche an den Nachkriegs-Irak sind jetzt erschienen, die einen biographischen Umweg über Deutschland nehmen. Oswald Iten berichtet, wie die Deutsche Katrin Hisslinger im Frühjahr 2004 in Bagdad ihren irakischen Vater sucht und findet. Karin Leukefeld erzählt die Lebensgeschichte der deutschen Ehefrau von Amer al Saadi. Der Waffenfachmann verhandelte als Abrüstungsbeauftragter Saddams zuletzt mit Hans Blix. Begleitet von einem ZDF-Team, stellte er sich im April 2003 den Amerikanern. Ohne daß bisher Anklage gegen ihn erhoben wurde, ist er noch in ihrem Gewahrsam. Im Mittelpunkt des Buchs steht jedoch Saadis deutsche Frau Helma, die ihm in den sechziger Jahren nach Bagdad folgte. Dort kam sie fast bei dem verheerenden Anschlag auf das UN-Hauptquartier ums Leben, als sie dort Unterstützung für die Freilassung ihres Mannes suchte. Itens "Bagdad-Google" hat dagegen schon ein Happy-End. In der "Neuen Züricher Zeitung" hatte Katrin Hisslinger kurz Anfang 2003 mit Hilfe der Google-Suchmaschine den Namen ihres irakischen Vaters gefunden. Der NZZ-Reporter Iten konnte ihr jedoch zunächst nicht weiterhelfen. Deshalb machten sie sich gemeinsam auf die abenteuerliche Suche, über die Iten genauso berichtet wie über seine Begegnungen mit Angehörigen des alten Machtapparats, schiitischen Klerikern und einfachen Menschen. Sie erzählen von ihrem Wunsch nach Freiheit, den enttäuschten Hoffnungen der Nachkriegszeit und ihrem Rückzug ins Privatleben. Immer wieder stößt er auf "Iraker, die sich als Opfer betrachten, als Opfer Saddams und der Besatzer, aber keineswegs als Opfer ihrer selbst". So bleibt offen, wie nahe der Vater von Katrin Hisslinger, der in Leipzig Kernphysik studiert hatte, Saddams Regime stand. Ähnliches gilt auch für Amer al Saadi und dessen möglicher Beteiligung an Programmen für Massenvernichtungswaffen. Seine Frau steht zu ihrem Mann, ohne viel Raum für kritische Vermutungen zu lassen. Lesenswert sind auch die Beobachtungen über den gewandelten Alltag irakischer Frauen, in dem Islamisten ihnen im öffentlichen Leben immer mehr Fesseln anlegen. (Oswald Iten/Katrin Hisslinger: Bagdad-Google. Eine Vatersuche im Irak. NZZ-Buchverlag, Zürich 2004. 164 Seiten, 23,- [Euro]. Karin Leukefeld: Nimm Abschied und werde stark. Helma al Saadi. Ein Leben zwischen Hamburg und Bagdad. Aufbau-Verlag, Berlin 2004. 320 Seiten, 21,90 [Euro].)

          hcr.

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