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: Angst und Terror

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Was ist rationales Verhalten in einem Krieg, in dem die Niederlage nicht mehr abzuwenden ist? Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich in Süddeutschland die Antwort auf diese Frage innerhalb kürzester Zeit: Durch rechtzeitige Aufgabe konnten viele Menschenleben gerettet und sinnlose Zerstörungen ...

          Was ist rationales Verhalten in einem Krieg, in dem die Niederlage nicht mehr abzuwenden ist? Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich in Süddeutschland die Antwort auf diese Frage innerhalb kürzester Zeit: Durch rechtzeitige Aufgabe konnten viele Menschenleben gerettet und sinnlose Zerstörungen verhindert werden; doch bis zu seiner endgültigen Vernichtung funktionierte der nationalsozialistische Terrorapparat auch ohne zentrale Lenkung in seiner perversen Logik weiter und bedrohte die Menschen oft stärker als die feindlichen Streitkräfte. Die Monate vor und nach der deutschen Kapitulation in der Gegend zwischen Tauber und Donau schildert Stephen G. Fritz quellengesättigt, detailreich und sehr anschaulich. Hier kam es im April 1945 an den natürlichen Geländehindernissen Tauber, Steigerwald und Frankenhöhe noch zu erbitterten und verlustreichen Kämpfen. Er spürt den Motiven der fanatisierten SS- und HJ-Einheiten nach, denen es durch guerrillakriegsähnliche Aktionen im Zusammenwirken mit den letzten funktionierenden Panzer- und Luftwaffeneinheiten der Wehrmacht gelang, den amerikanischen Vormarsch stark zu verlangsamen. Die Niederlage konnte jedoch nicht mehr verhindert werden.

          Die Erbitterung der Amerikaner über die schweren Verluste, die der offensichtlich sinnlose Widerstand mit sich brachte, ließ sie bei geringster Gegenwehr durch massiven Einsatz von Bomben und schweren Waffen erhebliche Zerstörungen anrichten und äußerte sich auch in vielfachen, verbürgten Gefangenenmorden. Die bedingungslose Kapitulation beendete zwar den Krieg in Europa, ließ aber nun andere Probleme in den Vordergrund treten. Millionen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich Verschleppte und Überlebende der Konzentrationslager konkurrierten mit der deutschen Bevölkerung um die knappen Versorgungsgüter. Neben der Versorgung war die Durchsetzung ihres Gewaltmonopols eine zentrale Aufgabe der amerikanischen Streitkräfte: Marodierende Banden dieser Entwurzelten verbreiteten Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Unter dem Begriff "Werwolf" von den Besatzungsmächten zusammengefaßte, sporadische gewalttätige Widerstandsaktionen von deutscher Seite wurden bis 1947 registriert. Parallel dazu entwickelte sich stetig ein "normales" Verhältnis von Besatzungsmacht und Besiegten, das zur Überwindung der Kriegsfolgen und die Zukunft Europas unabdingbar wurde.

          KLAUS A. LANKHEIT

          Stephen G. Fritz: Endkampf. Soldiers, Civilians, and the Death of the Third Reich. The University Press of Kentucky, Lexington 2004. 382 S., 35,- $.

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