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: Am Schrein des roten Sufi

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Der jüngste Anschlag auf den Schrein von Data Ganj Bakhsh im pakistanischen Lahore hat die meisten Muslime des Landes tief getroffen. Der an diesem Platz Verehrte heißt eigentlich Hujwiri und ist vielen Muslimen auch außerhalb des indo-pakistanischen Raumes wohlbekannt. Sein in persischer Sprache ...

          Der jüngste Anschlag auf den Schrein von Data Ganj Bakhsh im pakistanischen Lahore hat die meisten Muslime des Landes tief getroffen. Der an diesem Platz Verehrte heißt eigentlich Hujwiri und ist vielen Muslimen auch außerhalb des indo-pakistanischen Raumes wohlbekannt. Sein in persischer Sprache verfasstes Werk Kaschf al Mahdschub (etwa: "Die Entschleierung des Verhüllten") gilt als eines der grundlegenden Werke der islamischen Mystik, die sich schon kurz nach des Propheten Tod aus einer Bewegung der Frommen im Irak sowie in Ost-Iran herausgebildet hatte. Bis heute hat das Sufitum den Islam zwischen Marokko und dem indo-muslimischen Raum mitgestaltet. Der Volksislam ist ohne die Sufis und ihre besondere Form der Frömmigkeit, die viel offener ist als die des um die Scharia zentrierten Gesetzes-Islam, kaum denkbar. Der Sufismus prägte Sitten und Gebräuche, befruchtete Dichtung und Musik.

          Seit vielen Jahren schon befasst sich der Islamwissenschaftler und Ethnologe Jürgen W. Frembgen mit dem Sufismus, seinen großen Persönlichkeiten und den verschiedenen Ausprägungen dieser "innerlichen", meist auch friedfertigen Nachfolge Mohammeds. Dieser gilt den Sufis ja gemeinhin als Stifter ihres mystischen Pfades, der in die Erfahrung der Allgegenwart und Liebe Gottes, in die unio mystica, münden soll.

          Schon in seinem ersten Buch "Reise zu Gott. Sufis und Derwische im Islam" beschrieb Frembgen vor Jahren nicht allein die wichtigsten "Orden" (Tariqat) der Sufis und das Wirken ihrer Stifter; er ist auch bestrebt, den Sufismus von jenen Verleumdungen zu befreien, denen er immer wieder ausgesetzt war. Die Vorwürfe reichen von "Missachtung des Religionsgesetzes" bis zu "sexuellen Perversionen". Auch der Sufismus hat Höhen und Tiefen erlebt, erstarrte in Perioden der Dekadenz teilweise in Humbug und folkloristischem Mummenschanz oder wundersamen Gaukeleien; aber seine Substanz - das Streben der Gläubigen nach einer Verinnerlichung des Glaubens, nach dem Aufgehen in der göttlichen Liebe, wie der große Sufi al Halladsch es vor mehr als tausend Jahren vorgelebt hatte - blieb davon unberührt. Auch westliche Reisende haben gelegentlich durch Übertreibungen ein einseitiges, verzerrtes Bild von "Fakiren" und "heulenden Derwischen" gezeichnet, das Frembgen zu Recht korrigiert sehen möchte.

          Dies festzustellen ist gerade heute besonders wichtig, da in den meisten Ländern des Islam solche Formen einer individualistischen, oft auch ekstatischen Religiosität von Islamisten und Dschihadisten vehement bekämpft werden. Das gilt gerade auch für Pakistan, in dessen islamischer Szene sich der Autor bevorzugt bewegt, die er auch am besten kennt. Dass militante Frömmler unter Berufung auf radikale, völlig lustfeindliche Auslegungen der Scharia den Schrein in Lahore angriffen, verwundert nicht. Sie sehen in den toleranten Formen des Sufitums nichts anderes als Verfall und Ketzerei.

          Frembgens jüngstes Buch führt geradewegs hinein in die Erlebniswelt der Sufi-Gläubigen Pakistans. Im Stile von Bronislaw Malinowski hat der Autor das religiöse Treiben an einem Sufi-Schrein Pakistans durch die Methode des bewussten "Mitlebens" erforscht und beschrieben. In "Am Schrein des roten Sufi. Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan" begegnet dem Leser ein völlig anderer Islam: Frembgen ließ sich dort - nicht ohne körperliche Strapazen - mitnehmen und treiben vom Strom der Pilger, die alljährlich in der Provinz Sindh am Schrein des Qalandar-Derwischs Lal Schahbaz (gestorben 1274 n. Chr.), genannt der rote Sufi, ein dionysisches Fest feiern. Da wechseln Beschaulichkeit und Extase miteinander ab, da wird nicht nur gebetet, sondern es erklingt Musik. Es wird getanzt und auch geliebt. Sogar die Hidschras, die Angehörigen des "dritten Geschlechts", werden am Schrein von Lal Schahbaz in die Gemeinschaft der "fidèles d' amour" (Henry Corbin) integriert, nicht ausgegrenzt wie sonst. Doch den Terroristen und jenen Frömmlern, über deren Heuchelei sich schon der persische Dichter Hafis lustig machte, ist all dies ein Greuel. Leider wird auch das Verbot von 23 islamistischen Gruppierungen durch die Regierung nicht verhindern, dass Fanatiker diese Form der Volksfrömmigkeit gewaltsam bekämpfen.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

          Jürgen W. Frembgen: Reise zu Gott. Sufis und Derwische im Islam. C.H. Beck Verlag, München 2000. 218 S., 12,50 [Euro], und Am Schrein des roten Sufi. Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan. Waldgut Verlag, Frauenfeld/Schweiz 2008. 165 S., 16,- [Euro].

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