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: Altersschwacher Wolf unter Wölfen

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Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hans Christians Verlag, Hamburg 2003. 600 Seiten, 34,80 [Euro]."Gedenke, daß du ein Deutscher bist!" Mit einem derart altväterlichen Wahlspruch betraten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Honoratioren des Alldeutschen Verbandes - verankert im protestantischen Bildungs- und Besitzbürgertum - die politische Bühne.

          Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hans Christians Verlag, Hamburg 2003. 600 Seiten, 34,80 [Euro].

          "Gedenke, daß du ein Deutscher bist!" Mit einem derart altväterlichen Wahlspruch betraten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Honoratioren des Alldeutschen Verbandes - verankert im protestantischen Bildungs- und Besitzbürgertum - die politische Bühne. Fixiert auf nationale Ideen, suchten sie jedoch für ein halbes Jahrhundert eher die Zukunft zu steuern, die schließlich tatsächlich von grassierenden imperialistischen Wahnideen und Menschheitskatastrophen geprägt war. Das eigene Zutun definierte der Verband stets als Defensive in einer feindlichen Welt sowie als staatsmännische Sachpolitik fern allen Parteiengezänks. Das stimmte jedoch allenfalls anfangs und ansatzweise, als der Verband bisweilen als nationaler Wächter und entsprechende Sammlungsbewegung fungierte. Maßgeblich wurde vielmehr, daß die Honoratioren, deren gesellschaftliche und politische Führungsposition zunehmend bedroht war, mehr und mehr einem aggressiven Chauvinismus huldigten. Nicht zufällig wählten sie zu Beginn der Weimarer Republik die neue Parole "Deutschland den Deutschen" und präsentierten damit den Verband als Kampforganisation reinsten Wassers. Neue Programmpunkte wie jener von einer "planmäßigen Höherentwicklung des deutschen Volkes" bezeugten zudem seine nunmehr auch voll entfaltete rassisch-völkische Position mit Stoßrichtung vornehmlich gegen Juden. Endgültig fühlte man sich als Gemeinschaft völkischer Lichtgestalten, die im Kampf gegen eine Welt von Feinden stand. Nicht zufällig sollte Hitler 1923 seinen politischen Fundus als "alldeutsch" bezeichnen.

          Höhepunkte im Wirken des Verbandes, der sich stolz "nationalpolitisches Offizierscorps" nannte und meist nur über 20 000 Mitgliedern verfügte, weil er auf eine Massenbasis keinen Wert legte, waren das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg und der Weltkrieg selbst. Alles Streben war ausgerichtet auf ein starkes mitteleuropäisches Deutsches Reich mit kolonialen Ergänzungsräumen, das seinen Platz an der Sonne eingenommen hatte, also Weltmacht war oder Weltherrschaft ausübte. Im Weltkrieg, als eine Siegfriedenspolitik angesagt war und mit ihr sich im Innern präfaschistische Regierungsformen und im Äußern gewaltige Annexionen abzeichneten, fiel der Verband folgerichtig durch die Unterstützung der Deutschen Vaterlandspartei als Vorläuferorganisation der NSDAP und durch extreme Eroberungsprogramme auf. Wo immer eine entsprechende völkische Propaganda sinnvoll schien, war man zur Stelle und suchte gleichzeitig, das boomende System nationaler Agitationsverbände mit dem gewaltigen Flottenverein an der Spitze national zu munitionieren, zu koordinieren oder gar zu steuern.

          Zum abschreckenden Sündenregister des Verbandes gehörte, daß der Einsatz für das "Deutschtum im Ausland" alsbald mit dem Motto eines deutschen "Drangs nach Osten" gekoppelt wurde und daß früh auf einen Weltkrieg hingearbeitet wurde. Immer neue Steigerungen erfuhr der Kampf gegen sogenannte innere Reichsfeinde, wobei der Haß auf alle parlamentarisch-demokratischen sowie "internationalistischen" Kräfte verteilt wurde, in massivster Weise aber Juden, Sozialdemokraten und die Vertreter der polnischen Minderheit traf. Bemerkenswert war, daß schon im Kaiserreich auch dessen konstitutionelle Staatsform und Regierung von Angriffen nicht verschont blieben, zumal die Reichsleitung ab 1903 gegenüber dem Verband auf Distanz gegangen war. Fortan trat dieser als "nationale Opposition" auf, maßvoll nur dann, wenn es galt, nicht alle Brücken zu Konstitutionellen wie zur Regierung abzubrechen. Im übrigen rief man nach Führerstaat oder Diktatur und diskreditierte die politische Führung als "schlapp".

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