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: Als Kohl im Führerhäuschen saß

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Noch ein Begleitbuch zu einer Fernsehdokumentation - endlich einmal ein lesenswertes und sogar unterhaltendes. "Die Bonner Republik" wird am 22. und 29. April jeweils kurz vor Mitternacht in der ARD gezeigt. Der Rechercheaufwand dafür war wohl enorm - trotz der schlechten Sendezeit. Der durch viele Fernsehdokumentationen ...

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          Noch ein Begleitbuch zu einer Fernsehdokumentation - endlich einmal ein lesenswertes und sogar unterhaltendes. "Die Bonner Republik" wird am 22. und 29. April jeweils kurz vor Mitternacht in der ARD gezeigt. Der Rechercheaufwand dafür war wohl enorm - trotz der schlechten Sendezeit. Der durch viele Fernsehdokumentationen und biographische Werke ausgewiesene WDR-Redakteur Heribert Schwan und der Innsbrucker Zeithistoriker Rolf Steininger, einer der besten Kenner der Geschichte der Bundesrepublik und des Kalten Krieges, durften immerhin hundert Zeitzeugen besuchen und befragen: von Rainer Barzel (verstorben 2006) bis Helmut Kohl, von Egon Bahr bis Helmut Schmidt, von Henry Kissinger über Valéry Giscard d'Estaing und John Major bis Michail Gorbatschow. Mehr oder weniger große Auszüge aus Interviews mit 55 Gesprächspartnern werden in sechs Kapiteln wiedergegeben: "Die Ära Adenauer", "Übergangskanzler Erhard", "Die Große Koalition Kiesinger/Brandt", "Die sozialliberale Koalition Brandt/Scheel", "Die sozialliberale Koalition Schmidt/Genscher" und "Die Ära Kohl". Jedem Kapitel ist eine knappe historische Einführung (fünf bis 15 Seiten) vorangestellt; Kurzbiographien der Befragten, eine Zeittafel, Literaturhinweise und ein Personenregister beschließen den Band über die Jahre 1949 bis 1998.

          Den meisten Raum (mehr als 60 Seiten) darf Helmut Kohl einnehmen. Zur Deutschland-Politik 1983 antwortet er: "Der Milliardenkredit war das erste öffentliche Eingeständnis Honeckers, dass die DDR wirtschaftlich und finanziell am Ende war. Wie sehr die DDR am Ende war, wusste niemand, denn wir alle lebten ja unter dem Einfluss einer unentwegt marschierenden Propagandaglocke, wonach die DDR das zehntgrößte Industrieland der Welt war." Was die Phase der Wiedervereinigung betrifft, so ist er nachsichtig mit der britischen Premierministerin Thatcher: "Sie war die Ehrlichste. So gedacht haben fast alle unsere westlichen Partner und Verbündeten." Ohne Wenn und Aber "zu uns" gestanden hätten lediglich der spanische Regierungschef González und der amerikanische Präsident Bush (der Ältere). Der französische Staatspräsident Mitterrand sei vom Selbstverständnis der Grande Nation ausgegangen: "Ich habe häufig ironisch zu ihm gesagt: ,Du bist ein Mittelding zwischen Karl dem Großen und Präsident de Gaule, also auch irgendwo eine imperiale Figur.'" Frau Thatcher habe die deutsche Einheit "verhindern, zumindest verzögern" wollen und "dafür den niederländischen Ministerpräsidenten Lubbers vorgeschickt". Der habe dann Kohl "besonders enttäuscht", obwohl sie zuvor ein "sehr herzliches Verhältnis" gehabt hätten, das "völlig zerbrochen" sei: "Ich habe ihm gesagt und auch darauf hingewirkt - ich wusste ja, dass er irgendwann Präsident der Europäischen Kommission werden wollte: ,Solange es mich gibt, wirst du nicht Kommissionspräsident werden.'"

          Erstaunlich positiv sind die Urteile der in- und ausländischen Gesprächspartner über Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers Rolle bei der Wiedervereinigung. Der Bundesaußenminister der Jahre 1974 bis 1992 steht aber Kohls Alleingang mit dem Zehn-Punkte-Plan vom 28. November 1989 (über den nur Präsident Bush vorab telefonisch unterrichtet worden war) kritisch gegenüber, weil darin "wichtige Elemente fehlten: unser Verbleiben im westlichen Bündnis; die klare Notwendigkeit, dass mit der deutschen Vereinigung die Ostgrenze feststand. Aber mehr noch erstaunte mich, dass von konföderativen Strukturen die Rede war. Denn die Entwicklung von unten war viel weiter, die Einheit von unten."

          Demgegenüber macht der FDP-Politiker Klaus Kinkel keinen Hehl daraus, dass 1989/90 während der täglichen Beratungen im Kanzleramt für ihn jene Zeit darstellte, "in der ich Kohl bewundern lernte, vor allem, wenn immer zu später Stunde die angeblich nicht überwindbaren Widerstände kamen: ,Das geht nicht, und jenes geht nicht.' Seine Reaktion: ,Das Fenster der Geschichte - lieber Herr Genscher, wir zwei wissen das - ist nur eine bestimmte Zeit offen, und jetzt wird das gemacht, so wie besprochen. Wir sehen uns morgen früh um neun Uhr wieder. Gute Nacht, schlafen Sie gut, es wird so gemacht.' Das war ein Ausspruch, den ich von ihm unzählige Male in dieser Zeit gehört habe; das hat mir imponiert. Da war er Macher, kein Zögerer, kein Zauderer und kein Hinterzimmervisionär." Laut Kinkel saß Kohl damals - bildlich gesprochen - im Führerhäuschen eines Caterpillar "mit riesigen Rädern, die über alles hinweggehen"; nichts habe den Kanzler aufhalten können.

          RAINER BLASIUS

          Heribert Schwan/Rolf Steininger: Die Bonner Republik 1949-1998. Propyläen Verlag, Berlin 2009. 462 S., 24,90 [Euro].

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