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: Als die vielen Mauern stürzten

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Mitbürgern, die an DDR-Nostalgie leiden - oder auch unter ihr -, sind zwei gewichtige Bücher zu empfehlen. Das eine hat bereits Furore gemacht: Uwe Tellkamps Roman "Der Turm". Dem anderen wäre es gleichermaßen zu wünschen: Ilko-Sascha Kowalczuks ebenso gründlicher wie fesselnder Abhandlung über die Revolution in der DDR.

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          Mitbürgern, die an DDR-Nostalgie leiden - oder auch unter ihr -, sind zwei gewichtige Bücher zu empfehlen. Das eine hat bereits Furore gemacht: Uwe Tellkamps Roman "Der Turm". Dem anderen wäre es gleichermaßen zu wünschen: Ilko-Sascha Kowalczuks ebenso gründlicher wie fesselnder Abhandlung über die Revolution in der DDR. "Endspiel" nennt Kowalczuk sein Werk, das nüchtern und genau, doch ganz und gar nicht leidenschaftslos nachzeichnet, wie das Volk 1989 die SED-Diktatur los wurde. Der Teil des Volkes, genauer gesagt, dessen "harter" Kern gemeinhin als Bürgerrechtsbewegung bezeichnet, wenn auch unzureichend gekennzeichnet wird.

          Kowalczuk zeichnet diese Bewegung deutlich mitsamt den unvermeidbaren Ambivalenzen, die den Widerstand in einer scheinbar festgefügten Diktatur kennzeichnen. Er will ein Paradoxon erklären: die vermeintliche Stabilität des DDR-Systems bis 1989 - und dann das verblüffend rasante Tempo seines völligen Zerfalls. Nicht außenpolitische Faktoren wie Gorbatschows Reformpolitik oder Kanzler Kohls kluge Strategie nach dem Fall der Mauer, sondern gleichsam die Innenansicht einer erfolgreichen deutschen Revolution wird ausgeleuchtet.

          Dass es tatsächlich eine Revolution war, daran lässt der Autor keinen Zweifel. Denn es kam ja, zunächst durch kleine Gruppen in Gang gesetzt und dann durch eine Massenbewegung erzwungen, zu einer radikalen Umwälzung des politischen Systems und seiner Ideologie, einschließlich der grundlegenden Strukturen der Wirtschaft, der Justiz, der Kultur, begleitet vom entsprechenden Austausch der herrschenden Eliten. Was also spricht gegen den Ausdruck Revolution? "Eigentlich nichts", so Kowalczuk, "außer Otto Schilys Banane". Die höhnische Geste, mit der Schily das Ergebnis der ersten demokratischen Volkskammerwahl vom 18. März 1990 kommentierte, indem er grinsend eine Banane vor die Kameras hielt, hatte ihr ostdeutsches Pendant, denn in der DDR gab es vergleichbar hochnäsige Verleumdungen des Wahlergebnisses. So war Stefan Heym ". . . nur die Speerspitze all jener ostdeutschen Intellektuellen, die sich seit Jahr und Tag in Läden des Westens bedienen konnten und nun all jene verunglimpften, die das auch endlich wollten".

          Kowalczuk beschreibt die Mauern, von denen es in der DDR viele gab und die wenigsten sichtbar waren, denn die Führung "mauerte nicht nur ein Volk ein, auch sie selbst hatte sich aus Angst vor dem Volk hinter unsichtbaren Mauern verschanzt". Er unterscheidet drei Phasen, um nachzuvollziehen, wie diese Mauern unterhöhlt und schließlich zum Einsturz gebracht wurden. Zunächst wird für alle, die das Leben hinter der und den Mauern aus guten Gründen längst satt hatten, früh deutlich, dass Gorbatschows Kurs Folgen haben konnte, die er selbst durchaus nicht wollte. Wobei sein Verdienst bleibt, dass er nicht "das Gewohnte tat: Panzer auffahren und Menschen erschießen zu lassen". In der zweiten Phase, vom Frühjahr bis zum Herbst 1989, wird sichtbar, wie "die Machthabenden nicht mehr konnten, wie sie wollten, und die Gesellschaft nicht mehr wollte, was ihr die Herrschenden bislang abverlangt hatten". In der dritten Phase, von Honeckers Rücktritt bis zum März 1990, wird der eigentliche Demokratisierungsprozess in der DDR beleuchtet.

          Zug um Zug entfaltet sich das Endspiel zwischen Regime und Regimegegnern, ein spannendes, ein aufregendes Spiel im Sinne des Wortes, weil für beide Seiten alles auf dem Spiel steht. Der Autor bemüht sich um eine differenzierende Beurteilung der Akteure und ihrer Motive, ohne am Unrechtscharakter des SED-Systems und an der Gesamtverantwortung des Regimes für die Menschenverachtung wie auch für die Verkommenheit und Verlogenheit, mit der es sich über Wasser hielt, den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen. So präzise wie die Ereignisse schildert er die Strukturen, vor allem die Doppelstruktur von Partei und Staat, wobei die Hierarchie klar ist: Die Partei befiehlt und kontrolliert, die Staatsorgane - von der Regierung bis zum letzten kleineren Amtsträger - parieren und führen aus. Zur Sicherung dieser Machtstruktur hält das Regime eine halbe Million Menschen ständig unter Waffen - neben der gleichen Anzahl von Sowjetsoldaten, die das Land beherbergt. Staat und Gesellschaft sind in einem für Europa beispiellosen Ausmaß militarisiert.

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