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: Allzu flinke Formel

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Kaum ein historisches Thema hat die deutsche Gesellschaft während der vergangenen Jahre so beschäftigt und so bewegt wie die Geschichte der deutschen Wehrmacht. Damit einher ging eine bemerkenswerte Schwerpunktverlagerung des öffentlichen wie des wissenschaftlichen Interesses. Verkürzt könnte man sagen: das Kriegsverbrechen hat den Krieg ersetzt.

          Kaum ein historisches Thema hat die deutsche Gesellschaft während der vergangenen Jahre so beschäftigt und so bewegt wie die Geschichte der deutschen Wehrmacht. Damit einher ging eine bemerkenswerte Schwerpunktverlagerung des öffentlichen wie des wissenschaftlichen Interesses. Verkürzt könnte man sagen: das Kriegsverbrechen hat den Krieg ersetzt. Begründet wurde dieser Paradigmenwechsel mit den Ereignissen auf drei Kriegsschauplätzen: der Sowjetunion, dem Balkan sowie Italien. Dass bald andere Einsatzräume der Wehrmacht auftauchen würden, war absehbar. Jochen Böhler vertritt nun die These, der rassenideologische Vernichtungskrieg der Wehrmacht habe nicht erst 1941 begonnen, sondern bereits zwei Jahre früher in Polen. Keine Frage: Schon ihren ersten Feldzug im September 1939 konnten die deutschen Soldaten hart, mitunter auch brutal führen. Damit trafen sie nicht nur den militärischen Gegner; noch während des Feldzugs erschossen Wehrmachtseinheiten mehrere tausend Zivilisten und brannten einige hundert Dörfer nieder. Auch Juden und Kriegsgefangene zählten bereits zu ihren Opfern.

          An der Substanz der von Böhler präsentierten Fälle besteht kein Zweifel, an seiner These eines "Vernichtungskriegs", den speziell die Wehrmacht geführt haben soll, indes schon. Hierzu drei Überlegungen: (1) Die meisten deutschen "Repressalien" waren eine Reaktion auf angebliche polnische Freischärler. Böhlers Beobachtung, die Deutschen hätten häufig überreagiert und seien überhaupt sehr nervös aufgetreten, ist zweifellos richtig. Aber muss dies im Umkehrschluss heißen, dass es von polnischer Seite keine irregulären Aktionen gab? Sieht man einmal davon ab, dass diese Form der Kriegführung in Polen eine lange Tradition hat und dass während des Zweiten Weltkriegs nur wenige Untergrundbewegungen so mächtig wurden wie die "Armia Krajowa", dann sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass im September 1939 zirka 2000 "Volksdeutsche" von ihren polnischen Mitbürgern ermordet wurden - eine (niedrige) Schätzung, die Böhler im übrigen nur in einer Fußnote erwähnt. Warum es in dieser aufgeladenen Atmosphäre nicht auch zu Angriffen auf deutsches Militär gekommen sein soll, bleibt unerfindlich.

          (2) Unklar bleibt auch der Stellenwert der deutschen Verbrechen. Dass es Einheiten der Wehrmacht gab, die zum Rechtsbruch neigten, steht außer Frage. Wie weit aber prägte das den Alltag dieser Millionenarmee? Während Erschießungen von Zivilisten relativ oft vorkamen, scheint es sich bei den Morden an Kriegsgefangenen oder Juden um Einzelfälle gehandelt zu haben, letztere konnten auch die deutschen Kriegsgerichte beschäftigen, was Hitler dann nach Ende des Feldzugs unterband. Spätestens hier wird ein entscheidender Unterschied zwischen dem Krieg in Polen und dem in der Sowjetunion sichtbar. Eine lang angelegte, systematische Strategie der Vernichtung, die mit der im "Unternehmen Barbarossa" vergleichbar wäre, gab es beim Feldzug in Polen nicht. Es war daher kein Wunder, wenn der Oberbefehlshaber des Heeres bei seinen Frontfahrten "vielfach ein zu freundschaftliches Verhältnis zwischen Soldaten und Zivilisten einschließlich Juden" beobachtete. Oder wenn sich Hitler damals über seine Offiziere ereiferte, die "in politischen Dingen bisweilen wie die Kinder seien". Von solchen Stimmen will Böhler aber nichts wissen.

          (3) Doch war die Reaktion der Wehrmachts- und Truppenführung auf die Untaten der Truppe keinesfalls so eindeutig, wie der Autor suggeriert - im Gegenteil. Charakteristisch für die Situation der Wehrmacht, gerade auch im ersten Kriegsjahr, war vielmehr der Umstand, dass sie sich in einem Transformationsprozess befand, der noch längst nicht abgeschlossen war. So erklärt sich, warum einige Offiziere zum Teil sehr energisch der "Verwilderung" ihrer Soldaten entgegenzusteuern suchten. Hätte sich Böhler etwa die Mühe gemacht, die reich überlieferten Akten der deutschen Kriegsgerichte heranzuziehen, die bislang in Kornelimünster archiviert waren, dann hätte er von genau dieser Bruchlinie zwischen militärischer Tradition und nationalsozialistischer Revolution ein differenzierteres Bild zeichnen können.

          Bei Böhlers Arbeit handelt es sich um die erste deutsche Zusammenfassung der Wehrmachtsverbrechen während des Polenfeldzugs. Diese Leistung bleibt festzuhalten. Die Chance einer überzeugenden und differenzierten Darstellung, auch mit Blick auf die Interaktion beider Parteien, verspielt der Autor aber zugunsten seiner "flinken Formel" vom "Vernichtungskrieg".

          CHRISTIAN HARTMANN

          Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2006. 279 S., 12,95 [Euro].

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