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: Alles eine Frage der Zeit

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"Es wächst zusammen, was zusammengehört." In der Euphorie des Mauerfalls prägte Willy Brandt diesen später oft zitierten Satz am Abend des 10. November 1989. Elf Monate später gab es bereits das "neue Deutschland", bei dem, so jetzt Klaus Schroeder, "nicht zusammenwächst, was zusammengehört". Der ...

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          "Es wächst zusammen, was zusammengehört." In der Euphorie des Mauerfalls prägte Willy Brandt diesen später oft zitierten Satz am Abend des 10. November 1989. Elf Monate später gab es bereits das "neue Deutschland", bei dem, so jetzt Klaus Schroeder, "nicht zusammenwächst, was zusammengehört". Der ausgewiesene Kenner der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Vereinigung sagt uns, warum das seiner Meinung nach so ist. Er zitiert den "Spiegel" vom September 1990, der dort zusammenfasste, was der "Wessi" über den "Ossi" und umgekehrt dachte. Ein Auszug: "Geduldig warten sie, morgens kurz vor neun, in der Schlange vor der Aldi-Tür. Bleiches Gesicht, fettiges Haar, Blick nach unten, geduckte Haltung, kurze Steppjacken, verwaschene, farblose Jeans, beige-graue Schuhe, verknitterte Plaste-Tüten in der Hand . . . Manche riechen und manche klauen wie die Raben. Bloß ihre Frauen kriegen öfter einen Orgasmus."

          Dem standen die anderen gegenüber: "Im jeweils modischen Outfit, schicker noch, als die Werbung es will, vom Haarstyling bis zu den Gucci- oder Bally-Schuhen, immer neu gebräunt von Urlaub und Sonnenbank, in der Achselhöhle der Duft von Estée Lauder oder Joop, am Autoschlüssel der silberne Panther, in der Brieftasche die Golden Card, im Herzen das unerschütterliche Selbstbewusstsein. Der Umgang mit der Obrigkeit in Ämtern und Behörden? Nichts leichter als das, ein Fingerschnippen. Diesen Smarties gehört die Welt, ersatzweise Deutschland."

          Das war es: eine Mischung aus Vorurteilen, Wunschdenken, Ignoranz und Minderwertigkeitskomplexen. In vielen Fällen war das wohl so - zumindest in den ersten zehn Jahren nach der Vereinigung, manchmal wohl auch heute noch. Da ist Schroeder sehr deutlich: "Viele neue Bundesbürger sind nach wie vor infiziert vom mentalen Gift der sozialistischen DDR." In gleich drei Kapiteln handelt Schroeder dieses Gift ab: Von "Befindlichkeiten, Fremdwahrnehmung und Identitäten" über "nostalgische Verklärung der DDR als Fiktion" bis zur "Schlussbilanz der DDR als Realität" wird kenntnisreich noch einmal die DDR als ein "Land der kleinen Leute" geschildert: ein Land, in dem eine zentralistische Parteidiktatur die Menschen enteignete, gängelte, entmündigte und bespitzelte und in dem das Auseinanderklaffen von Propaganda und politischer Realität unerträglich wurde. Und dann kam der Westen über das Land. Der nationalen Vereinigungseuphorie folgte rasch der Katzenjammer, wie Schroeder richtig konstatiert. Es war wohl so, wie der "Spiegel" es beschrieben hatte.

          Aber das ist das Erfreuliche an Schroeders Analyse und lässt hoffen: wenn er nach Fußball-Weltmeisterschaft "bei Freunden" in ganz Deutschland und Kanzlerschaft Merkel für das Jahr 2010 eine inzwischen gewachsene Gemeinsamkeit zwischen Ost und West konstatiert, die - gerade unter jungen Menschen - darauf hindeutet, "dass die Deutschen inzwischen mehr verbindet als im ersten Jahrzehnt der Wiedervereinigung". Dazu passt die richtige Feststellung: "Die Lage im vereinten Deutschland und speziell in Ostdeutschland ist jedoch erheblich besser als die öffentlich verbreitete Stimmung." Das ändert allerdings nichts daran, dass es auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung vielerorts immer noch an der Bereitschaft fehlt, den anderen und das andere zu verstehen. Und insofern passt der Schlusssatz dieses lesenswerten Buches, nämlich: "Es kann nur zusammenwachsen, was zusammengehören will!" Dafür brauchen wir möglicherweise noch einmal 20 Jahre.

          ROLF STEININGER

          Klaus Schroeder: Das neue Deutschland. Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört. wjs Verlag, Berlin 2010. 249 S., 19,95 [Euro].

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