https://www.faz.net/-gqz-uaaq

: Alles eine Frage der Lage

  • Aktualisiert am

Das spätklassizistische Palais Schaumburg in Bonn war bis 1976 Amtssitz der Bundeskanzler. Dann kam der Umzug in einen Neubau, der auf Helmut Schmidt den Eindruck einer "rheinischen Girozentrale" machte. Nach der Wiedervereinigung diente das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude am Berliner Schlossplatz von 1999 bis 2001 als Übergangsquartier.

          3 Min.

          Das spätklassizistische Palais Schaumburg in Bonn war bis 1976 Amtssitz der Bundeskanzler. Dann kam der Umzug in einen Neubau, der auf Helmut Schmidt den Eindruck einer "rheinischen Girozentrale" machte. Nach der Wiedervereinigung diente das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude am Berliner Schlossplatz von 1999 bis 2001 als Übergangsquartier. Schließlich weihte Gerhard Schröder das von Helmut Kohl in Auftrag gegebene großdimensionierte neue Bundeskanzleramt neben dem Reichstagsgebäude ein. Vier Gebäude und acht Kanzler mit unterschiedlichen Regierungs- und Repräsentationsstilen stellt der schön bebilderte Band des Bonner Hauses der Geschichte vor, in zwanzig informativen und meist gut lesbaren Beiträgen.

          Volker Busse, der als Ministerialbeamter dreißig Jahre dem Bundeskanzleramt angehörte, befasst sich mit Organisation und Aufbau der allerobersten Behörde, deren Leiter seit 1953 den Titel "Staatssekretär des Bundeskanzleramtes" und seit 1964 den des "Chefs des Bundeskanzleramtes" (ChBK) trugen. Anlass für die Änderung der Bezeichnung war, dass Kanzler Ludwig Erhard seinen engsten Berater und Staatssekretär Ludger Westrick nicht mehr weiter als Beamten beschäftigen konnte, weil dieser die Altersgrenze erreicht hatte. Daher erhob ihn Erhard kurzerhand zum Bundesminister für besondere Aufgaben. Später folgten als Bundesminister Horst Ehmke (1969 bis 1972), Wolfgang Schäuble (1984 bis 1989), Rudolf Seiters (bis 1991), Friedrich Bohl (bis 1998), Bodo Hombach (1998/99) und Thomas de Maizière (seit 2005).

          Elf der bisher achtzehn Kanzleramtsleiter waren Beamte: "Rechtlich und politisch liegt es im Ermessen des Bundeskanzlers, ob er den Chef seines Amtes im Range eines Bundesministers oder eines Staatssekretärs beruft. Mag sich ein Bundeskanzler von einem Bundesminister in diesem Amt wirkungsvolle Unterstützung insbesondere in der politischen Außenwirkung versprechen, so kann auf der anderen Seite ein Staatssekretär in diesem Amt sich verstärkt und besonders wirkungsvoll auf die Binnenkoordinierung der Bundesregierung und die konzeptionelle Seite seiner Arbeit konzentrieren." Als markante Nicht-Minister nennt der Autor Manfred Schüler (1974 bis 1980) und Frank-Walter Steinmeier (1999 bis 2005). Der ChBK ist wichtiger Berater des Regierungschefs und "zugleich ,Staatssekretär der Bundesregierung' - auch wenn er ein Ministeramt bekleidet -, also sozusagen deren ,Generalmanager'." Er leitet die von Ehmke eingeführten Besprechungen der beamteten Staatssekretäre aller Ressorts - die "St-Runden" - zur Vorbereitung der wöchentlichen Kabinettssitzungen. Trotz solcher präziser Erläuterungen geistert Steinmeier durch einen Aufsatz über die Schröder-Phase als "Kanzleramtsminister", und im Zusammenhang mit der "Spiegel-Affäre" liest man über den "Gründungskanzler" Konrad Adenauer, dass er 1962 gezögert habe, "seinen Außenminister" Franz Josef Strauß zu entlassen (der Verteidigungsminister war).

          Jede Regierungszeit wird "zweigeteilt" betrachtet. Der dahinterstehende Ansatz - "langjährige Spezialisten ihrer Fächer" geben kurze Gesamteinschätzungen zu den Kanzlern, "Historiker der jüngeren Generation" verfassen kanzleramtsbezogene Analysen - soll "Lebendigkeit" erzeugen, die sich durch manche Überschneidungen nicht immer einstellen will. Nur bei Angela Merkel - der "Spezialistin für das Neue" - verzichteten die Herausgeber auf eine Doppeluntersuchung. Der Journalist Bernd Ulrich attestiert ihr einerseits "Phasen von Ängstlichkeit, auch erste Anflüge von Kohl'scher Bräsigkeit", andererseits "Momente von großem Mut und Phasen von Entschiedenheit".

          Besonders gelungen sind die behördengeschichtlichen Schlaglichter, die Philipp Gassert auf die Zeit unter Kiesinger und Andreas Rödder auf die Ära Kohl werfen. Beide Autoren fangen die Atmosphäre in der Regierungszentrale bis ins Detail ein - beispielsweise der "Kanzler der Großen Koalition" bei Lagebesprechungen mit dem Glas Wein auf dem Tisch und dem Dackel auf dem Schoß, der "Kanzler der Einheit" in seinem Büro "immer wieder auch in Hausschuhen" oder seine "Gesellen im kühlen Nass" im Zierfischaquarium beobachtend - und würdigen gekonnt einzelne Mitarbeiter und Ratgeber. Der längst vergilbte Wahlkampfslogan "Auf den Kanzler kommt es an" traf noch nie zu, weil es schon immer vor allem auch auf den Kanzleramtschef und die Regierungszentrale selbst ankam. Kein Geringerer als Kurt Georg Kiesinger rief sofort um Hilfe, wenn sich Berichte und Vorgänge auf seinem Schreibtisch stapelten: "Schaffen Sie mir die Akten weg, ich verliere den Überblick."

          RAINER BLASIUS

          Die Bundeskanzler und ihre Ämter. Herausgegeben von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und vom Bundeskanzleramt. Edition Braus im Wachter Verlag, Heidelberg 2006. 238 S., 39,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikanische Linke : Selbst ernannte „Drecksäcke“

          Alles oder nichts: Wird ihr Favorit Bernie Sanders nicht Präsidentschaftskandidat, wollen linke Anhänger der Demokraten nicht zur Wahl gehen. Auch wenn Trump dadurch im Amt bleibt.
          Nach einer jahrelangen Boomphase kühle die Konjunktur in Baden-Württemberg inzwischen ab: Grund seien die Exportabhängigkeit des Landes sowie die strukturellen Herausforderungen der Autobranche.

          Schleichende Zunahme : Wo die Arbeitslosigkeit jetzt schon steigt

          Trotz schwächelnder Konjunktur sehen die Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt weiterhin ziemlich gut aus. In einigen Landkreisen ist jedoch eine schleichende Zunahme zu beobachten – ausgerechnet im Süden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.