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: Alberts Wundertüte

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Wer in Cambridge lehrt und knapp tausend Seiten zur Geschichte der nationalsozialistischen Wirtschaft vorlegt, darf Selbstbewusstsein ausstrahlen. Stellt doch Adam Tooze sein neues Buch als "das erste im Laufe von sechzig Jahren" vor, "das die Funktionsweisen der deutschen Kriegswirtschaft unter Speer und seinen Vorgängern wirklich kritisch betrachtet".

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          Wer in Cambridge lehrt und knapp tausend Seiten zur Geschichte der nationalsozialistischen Wirtschaft vorlegt, darf Selbstbewusstsein ausstrahlen. Stellt doch Adam Tooze sein neues Buch als "das erste im Laufe von sechzig Jahren" vor, "das die Funktionsweisen der deutschen Kriegswirtschaft unter Speer und seinen Vorgängern wirklich kritisch betrachtet". Diese eigene Leistungsbemessung ist zu überprüfen. Britische Historiker besitzen gegenüber ökonomischen Vorgängen eine größere Aufgeschlossenheit als ihre deutschen Kollegen, sieht man von der Geschichtswissenschaft der ehemaligen DDR einmal ab. Selbst ihren diskussionswürdigen Forschungsergebnissen zur NS-Wirtschaft hat die westdeutsche Fachwelt nicht nur wegen ideologischer Verbrämung gebührende Aufmerksamkeit versagt. Es ist vielmehr einer vornehmlich politisch und gesellschaftlich orientierten, schließlich immer mehr mit den Ausdrucksformen des nationalsozialistischen Unrechtsstaates befassten Zunft zuzuschreiben, dass beispielsweise die im Weltkriegswerk des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes einen gewichtigen Part beanspruchende rüstungs- und kriegsökonomische Problematik den Geschichtsdiskurs nur unbefriedigend beeinflusste. Daher muss man das gelungene Vorhaben des Autors begrüßen, "den Wirtschaftskomplex vom Rand in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit dem Hitlerregime zu rücken".

          Tooze ergreift mit Entschiedenheit in dem antagonistischen Disput über die Interdependenz von Ideologie und Pragmatismus, hier über die Wechselbeziehung von Wirtschaftsauffassung und -politik, Partei. Er attestiert Hitler nicht nur Verständnis für ökonomische Zusammenhänge, sondern stilisiert dessen wirtschaftliche Interessen zur Grundlage nationalsozialistischer Politik nach innen und außen. Dieser Auffassung zufolge bildeten die Vereinigten Staaten mit ihrem hohen Lebensstandard, fortschrittlicher Technologie und der daraus resultierenden Produktivität den eigentlichen Bezugspunkt ökonomischer Überlegungen und sich daraus ergebender politischer Intentionen des Diktators. Er erkannte die enorme Wirtschaftskraft Nordamerikas als Resultat der glücklichen Verbindung eines riesigen Raumes mit enormem Rohstoffreichtum und einem Binnenabsatzmarkt mit perspektivisch nahezu grenzenlosem Bevölkerungszuwachs. Wollte sich Europa gegenüber dem amerikanischen Kontinent behaupten, musste es, unter deutscher Führung, ähnliche Produktionsbedingungen innerhalb eines geschlossenen, weitgehend autarken Großraumes mit nach Osten hin ausgerichteter Expansion schaffen. Letztlich prognostizierte Hitler einen Konkurrenzkampf zwischen den Vereinigten Staaten und Europa mit militärischen Mitteln. Ein europäischer Sieg erschien umso wahrscheinlicher, je vollständiger es gelang, im Vorfeld das vermeintlich hinter den welthegemonialen Bestrebungen der Vereinigten Staaten stehende Weltjudentum zu beseitigen.

          Vor diesem gedanklichen Hintergrund werden Dimension und Konnex von Rüstung, Krieg und Holocaust erfassbar. Der Vernichtung von Millionen Juden durch Arbeit lag somit zunächst eine an Zynismus nicht mehr zu überbietende ökonomische Ratio zugrunde. Für Tooze ist das Wirtschaftsgebaren des "Dritten Reiches" an Kriegsnotwendigkeiten ausgerichtet, weshalb es Hitler beispielsweise nicht um Arbeitsbeschaffung als solche ging, sondern um Systemstabilisierung mittels Aufrüstung. Das gilt auch für den propagandistisch zum Mythos überhöhten Autobahnbau, bei dem nur relativ wenige Arbeitslose Beschäftigung fanden. Im Buch unterschätzt wird allerdings die verkehrsökonomische, weil konjunkturpsychologische Bedeutung dieses Unternehmens: 1934 hatte sich die Pkw-, Lkw- und Omnibusproduktion gegenüber 1932 mehr als verdreifacht und entsprechende Arbeitslose absorbiert.

          Wir finden uns bestätigt in der Auffassung, dass der Vierjahresplan von 1936 wegen bereits ruinierter Staatsfinanzen, desolater Devisenlage und überbeanspruchter technischer Produktionsmittel mit seiner kriegsorientierten Zielsetzung dem ökonomischen Zwang zur militärischen Aktion folgte. Der "Anschluss" Österreichs war so betrachtet "ein nützliches Schnäppchen" mit seinem Tor nach Südosten, seinen Devisenvorräten, seinem Arbeitskräftepotential, um das Rüstungstempo noch einmal zu forcieren. Die "Entjudung Großdeutschlands" füllte den Staatssäckel mit einem Milliardenbetrag. Auf die deutsche Frauenarbeit zwischen Doktrin und ökonomischer Notwendigkeit fällt durch Vergleich ein erhellendes Licht: Immerhin stellten Frauen in Deutschland vor dem Krieg ein Drittel der Arbeitskräfte, in England lediglich ein Viertel, und 1939 befanden sich mehr Frauen im deutschen Arbeitsprozess - größtenteils in der Landwirtschaft - als 1945 im britischen.

          Das Unternehmertum musste zwar mit Devisenbewirtschaftung, Rohstoffzuteilung und Produktionsvorgaben zurechtkommen, hatte sich aber, so der Autor, dennoch gleich 1933 mit dem NS-Staat und seiner Wirtschaftsgestaltung arrangiert. Brauchte man doch nicht mehr mit den Gewerkschaften um Löhne zu feilschen, die in der Folgezeit auf niedrigem Niveau verharrten. Die Selbstverwaltungskörperschaften behielten weitgehend ihre Funktion. Zumindest die Industriewirtschaft tätigte in unvergleichlicher Höhe Investitionen, verfügte über volle Auftragsbücher und verzeichnete satte Gewinne. Die kriegsbedingt fehlenden Arbeitskräfte wurden durch billige Kriegsgefangene, Zwangsverpflichtete und KZ-Häftlinge substituiert.

          Tooze verweist die verbreitete These, die Wehrmacht hätte, besser bewaffnet und ausgerüstet, mit guten Siegeschancen in den Ostkrieg ziehen können, in den Bereich der Legende. Wurde doch der unzureichend vorbereitete Feldzug gerade wegen der zum gegebenen Zeitpunkt herrschenden ökonomischen Mangellage mit dem Ziel vom Zaun gebrochen, diese kurz- und langfristig zu beheben. Das Scheitern des den fehlenden Ressourcen Rechnung tragenden Blitzkrieges bedeutete bereits die militärische Wende. Zwar besiegelte die mit dem verspäteten Kriegseintritt der Vereinigten Staaten gewonnene Luftüberlegenheit das Schicksal des "Dritten Reiches" endgültig, der Hauptanteil am Sieg über die Wehrmacht ist aber der personellen und materiellen Dominanz der Roten Armee zuzurechnen. Albert Speer war nicht, wie Tooze belegt, der große "Wundermann", dem es um ein Haar gelungen wäre, die rüstungsökonomischen Voraussetzungen für den Endsieg zu schaffen. In seiner Führergläubigkeit verschloss er sich der Einsicht, dass die sich verringernden Ressourcen des schrumpfenden Herrschaftsbereiches sich nicht durch Rationalisierung, zentrale Planung und technologischen Fortschritt kompensieren ließen. Das Bild der Geschichte zeigt Speer und namhafte Industriemanager, so die "wichtigsten Kollaborateure" Albert Vögler und Walter Roland im Ruhrgebiet, unmittelbar neben Hitler als Verantwortliche für die aussichtslose Verlängerung des Krieges, in deren Folge der Tod von Millionen Soldaten und Zivilisten, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, vor allem aber die jüdischen Opfer der "Endlösung" zu beklagen sind.

          Als Himmler in Komplizenschaft mit Speer schließlich vom Prinzip der Vernichtung durch Arbeit abrückte, wurde die "Endlösung" zum eigentlichen Kriegsziel: "Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen." Diese Zeilen mögen genügen, um Anstoß zur Lektüre eines Buches zu geben, das mit zahlreichen Einzelthesen bei derzeit gültigem Interpretationsansatz auf reichhaltigem, weitgehend bekanntem Quellenfundus überrascht.

          HANS-ERICH VOLKMANN

          Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler Verlag, München 2007. 927 S., 44,- [Euro].

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