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: Ähnliche Argumentationsmuster

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Seit Dezember 2008 ist die Zahl antisemitischer Zwischenfälle in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union deutlich angestiegen, wie kürzlich die EU-Grundrechteagentur (FRA) berichtete. Die Ursache dafür sei vor allem im Konflikt zwischen Israel und der Palästinenserorganisatin Hamas um den Gazastreifen sowie in der Finanzkrise zu suchen.

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          Seit Dezember 2008 ist die Zahl antisemitischer Zwischenfälle in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union deutlich angestiegen, wie kürzlich die EU-Grundrechteagentur (FRA) berichtete. Die Ursache dafür sei vor allem im Konflikt zwischen Israel und der Palästinenserorganisatin Hamas um den Gazastreifen sowie in der Finanzkrise zu suchen. Das vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin verantwortete Handbuch des Antisemitismus ist also hochaktuell. Der Schwerpunkt des ersten Bandes über "Länder und Regionen" liegt auf Europa, doch beeindruckt zugleich die geographische Vielfalt des Buches. In 85 Artikeln wird zunächst die Geschichte der Juden im jeweiligen Land oder seltener einer Region skizziert, dann werden die Entwicklung der Judenfeindschaft und die gegenwärtige Situation geschildert. Entstanden ist auf diese Weise ein umfassendes Lexikon, das für Klarheit dort sorgen kann, wo mitunter nur sehr ungenau diskutiert wird.

          Für die Artikel verantwortlich zeichnen Fachleute aus zahlreichen Ländern. Ihre Ausführungen sind jeweils ergänzt durch eine Auswahlbibliographie. Das Handbuch will "das vorhandene Wissen zum Phänomen der Judenfeindschaft ohne zeitliche und räumliche Begrenzung" bündeln, wie Herausgeber Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, erläutert. Dieser Anspruch wird von den einzelnen Beiträgen weitgehend eingelöst. Und sogar der Leser, der sich mit der Entwicklung des Antisemitismus gut auskennt, erfährt viel Neues.

          Die meisten Einträge des Sammelbandes überzeugen. Sie ermöglichen Vergleiche zwischen der Entwicklung in verschiedensten Ländern, wie beispielsweise in Äthiopien, Curaçao, Jamaika, Japan und der Republik Südafrika. Ein beeindruckender Überblick entsteht und macht Besonderheiten deutlich. Die Beiträge zeigen aber auch, wie sich unter unterschiedlichen kulturellen Bedingungen ganz ähnliche antisemitische Argumentationsmuster herausbilden - und dies unabhängig von der Größe der jeweiligen jüdischen Minderheit. Beklemmend ist die Häufigkeit, in der etwa von einem antisemitischen Machwerk wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" die Rede ist und in wie vielen Ländern dieses offenbar eine Rolle spielte. Diesen "Protokollen" wird vermutlich bald ein eigener Artikel gewidmet sein. Insgesamt soll das Handbuch des Antisemitismus aus fünf Bänden bestehen: Band 2 ist Personen gewidmet, Band 3 stellt Begriffe, Ereignisse, Theorien vor, Band 4 Organisationen und Periodika, Band 5 schließlich beschäftigt sich mit Film, Theater, Literatur und Kunst.

          Es wäre vielleicht günstiger gewesen, mit dem Band über Begriffe, Ereignisse und Theorien zu beginnen, um die Artikel auf eine genaue begriffliche Grundlage zu stellen und zum Beispiel die religiöse Judenfeindschaft deutlicher vom modernen Antisemitismus abzugrenzen, als es im vorliegenden Buch manchmal der Fall ist. Die nächsten Bände sollen, wie Wolfgang Benz betont, "in rascher Folge erscheinen". Dies ist zu hoffen, denn bei der Lektüre des ersten Bandes wünscht sich der Leser an vielen Stellen, über eine genannte Person oder Organisation mehr zu erfahren.

          So darf man mit Spannung auf die nächsten Bände warten und davon ausgehen, dass vieles von dem, was im ersten Band nur angedeutet werden kann, im vollständigen Handbuch schließlich entsprechende Erklärungen finden wird. Schon der Band über Länder und Regionen zeigt aber, dass jeder, der sich künftig mit der Geschichte und der Gegenwart von Judenfeindschaft beschäftigt oder sich angesichts tagesaktueller Debatten informieren möchte, mit diesem grundlegenden Handbuch des Antisemitismus gut beraten ist.

          ANDREA LÖW

          Wolfgang Benz (Herausgeber): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 1: Länder und Regionen. K.G. Saur Verlag, München 2008. 443 S., 79,95 [Euro].

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