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: Adolfs Angst und Winstons Wut

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Die Flächenbombardierungen, mit denen Briten und Amerikaner das Deutsche Reich während der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkrieges überzogen, werden ungeachtet davon abweichender Einschätzungen des schrecklichen Sachverhalts zunehmend kritisiert, abgelehnt und verurteilt. In dieser Perspektive konstatiert ...

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          Die Flächenbombardierungen, mit denen Briten und Amerikaner das Deutsche Reich während der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkrieges überzogen, werden ungeachtet davon abweichender Einschätzungen des schrecklichen Sachverhalts zunehmend kritisiert, abgelehnt und verurteilt. In dieser Perspektive konstatiert Lothar Fritze mit großer Entschiedenheit: "Der strategische Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung war von Anfang an völkerrechtlich unzulässig." Insofern erhebt der Autor beredte Anklage gegen den Chef des britischen Bomberkommandos, den 1946 zum Luftmarschall beförderten Arthur Harris, der auch im eigenen Land niemals unumstritten war.

          Weit darüber hinaus zieht er die amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman und Franklin D. Roosevelt sowie den britischen Premierminister Winston Churchill zur grundlegenden Rechenschaft - den einen, weil er mit dem Befehl zum Abwurf der Atombomben über Japan die Moral der Machtpolitik geopfert habe; den anderen, weil er mit seiner Forderung nach bedingungsloser Kapitulation ein vorzeitiges Kriegsende unmöglich gemacht habe; und den Dritten, weil er auf Hitlers angebliche Bereitschaft zu einem Verständigungsfrieden nicht eingegangen sei. Mit dieser Weigerung habe vor allem der englische Staatsmann maßgeblich zur Ausdehnung und Brutalisierung des Krieges beigetragen: "Angenommen", so argumentiert der Verfasser im Hinblick auf den sich im Krieg vollziehenden Genozid an der jüdischen Bevölkerung Europas, "angenommen, es ließe sich plausibel machen, dass ein Verbrechen - beispielsweise das der Judenvernichtung - nicht auf einen konkreten Plan und einen Befehl Hitlers zurückgeführt werden kann, sondern etwa als Resultat eines Prozesses ,kumulativer Radikalisierung' zu begreifen ist, eines Vorganges, der außerhalb des Krieges so kaum vorstellbar gewesen wäre - obgleich der Krieg auch Tarnung für Verbrechen bieten konnte -, dann führte diese Erkenntnis selbstverständlich nicht zu einer Relativierung der Schuld der Täter. Sie verdeutlichte aber - und dies ist gleichsam das Generalthema dieses Buches - die immense Verantwortung, die ein Verteidiger im Kampf gegen einen verbrecherischen Aggressor notgedrungen zu tragen hat. Gerade weil er als ,Gerechter' moralisch ansprechbar ist, kann von ihm erwartet werden, bei der Fixierung seiner eigenen Strategie gegen das Unrecht eine mögliche Radikalisierung des zu allem entschlossenen Feindes mit zu bedenken."

          Dieses mehr als problematische Gedankenexperiment basiert auf Annahmen, die mit der Realität des Zweiten Weltkrieges wenig zu tun haben und gleichwohl die gesamte Darstellung durchziehen: Ein totaler Krieg wie derjenige in den Jahren zwischen 1939 und 1945 kann nicht am "Kriterium der Verhältnismäßigkeit" im Sinne eines friedensüblichen Gerichtsverfahrens gemessen werden. Der Ausgangspunkt des Verfassers nimmt sich durchgehend so theoretisch aus, dass er die Wirklichkeit eher verfehlt als trifft: "Hingegen sind die Ahndung von Unrecht durch Vergeltung und Bestrafung, die Abschreckung potentieller Feinde, die Furcht vor im Entstehen begriffenen Gefahren, die Befreiung eigener Staatsbürger aus den Fängen ausländischer Mächte, die Herstellung oder Bewahrung eines Machtgleichgewichts, die Einführung oder Durchsetzung einer humaneren Sozialordnung, die Entmachtung eines Diktators und selbst die Etablierung eines demokratischen Verfassungsstaates", postuliert der Autor, "keine zum Kriegführen moralisch legitimierenden Gründe. Zum Kriegführen legitimiert weder das Streben nach politischer oder ökonomischer Macht noch nach nationaler Größe, weder nach kultureller oder religiöser Vorherrschaft noch nach rassischer oder weltanschaulicher Hegemonie."

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