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: Adenauers Mann in Düsseldorf

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Stefan Marx: Franz Meyers 1908-2002. Eine politische Biographie. Klartext Verlag, Essen 2003. 532 Seiten, 27,90 [Euro]."Stopp, wer sind Sie bitte?" wurde Franz Meyers gefragt, als er 1980 den Landtag von Nordrhein-Westfalen betreten wollte. So schnell ist vergessen, wer nicht mehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht.

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          Stefan Marx: Franz Meyers 1908-2002. Eine politische Biographie. Klartext Verlag, Essen 2003. 532 Seiten, 27,90 [Euro].

          "Stopp, wer sind Sie bitte?" wurde Franz Meyers gefragt, als er 1980 den Landtag von Nordrhein-Westfalen betreten wollte. So schnell ist vergessen, wer nicht mehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Dieses Schicksal hat der langjährige Landtagsabgeordnete, Innenminister und Ministerpräsident nicht verdient, wie Stefan Marx mit seiner gewichtigen Biographie nachweist. Meyers ist vom katholischen Umfeld seiner Geburtsstadt Mönchengladbach, wo er zeitlebens seinen Wohnsitz hatte, wesentlich geprägt worden. Als Schüler im Bund "Neudeutschland" und als Jurastudent in der katholischen Studentenverbindung "Flamberg", zeigten sich schon früh seine Führungsqualitäten. Politisch betätigte er sich aber nicht, obwohl er seit Anfang der dreißiger Jahre Mitglied der Zentrumspartei war. Dem Nationalsozialismus stand er ablehnend gegenüber. Deshalb trat er nach seinen Examina nicht in den Staatsdienst ein, sondern wurde Rechtsanwalt.

          Von 1940 bis 1945 leistete er Kriegsdienst. Nach Rückkehr in seine Heimatstadt baute er sich wieder eine florierende Rechtsanwaltspraxis auf. 1948 trat er der CDU bei und wurde zunächst nebenberuflicher Politiker im Stadtrat. Seine steile Karriere als Politiker begann 1950 mit dem Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag. 1952 wurde er zum Oberbürgermeister von Mönchengladbach gewählt. Doch kaum 100 Tage im Amt, berief ihn Ministerpräsident Karl Arnold zu seinem Innenminister. Hier erwarb er sich bei der Neuordnung der Gemeinden, Kreise und der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe und nicht zuletzt bei der Verstaatlichung der zunächst von der Besatzungsmacht den Städten und Kommunen zugeordneten Polizei hohes Ansehen.

          Auch bundespolitisch machte sich Meyers schnell einen Namen - als Gegner eines Gesetzgebungsperfektionismus, als er im Bundesrat einen Entwurf zur Fertigung von Speiseeis zu Fall brachte, als Kritiker einer Politisierung der Verfassungsgerichte und nicht zuletzt als ideenreicher CDU-Politiker, was ihm 1956 das Amt des geschäftsführenden Bundesvorstandsmitglieds einbrachte. Der neue Parteimanager kümmerte sich, nach dem Sturz Arnolds und seinem Ausscheiden aus der Regierung, vor allem um die Parteiorganisation, eine bessere Politikvermittlung und die Vorbereitung des Bundestagswahlkampfes 1957, in den er Methoden einführte, die er in den Vereinigten Staaten kennengelernt hatte. Mit der fulminant gewonnenen Wahl stieg er zum mächtigsten Mann in der CDU-Bundesgeschäftsstelle auf; zeitweise war er sogar als Nachfolger Adenauers im Parteivorsitz im Gespräch, obwohl er nach seinem Naturell eigentlich kein ausgesprochener Parteipolitiker war und stets ohne Hausmacht blieb. 1958 wurde er nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, die seiner Partei die absolute Mehrheit einbrachte, zum Ministerpräsidenten gewählt.

          Sein Amtsantritt fiel in eine Zeit des tiefgreifenden Strukturwandels; die beiden Grundfaktoren der wirtschaftlichen Macht des Landes, Kohle und Stahl, verloren zunehmend an Bedeutung, was eine strukturpolitische Neuorientierung, besonders im Ruhrgebiet, notwendig machte. Dazu gründete Meyers 1962 das Ministerium für Landesplanung. Die Ansiedlung neuer Industrien (1961 Opel-Werk in Bochum) und die Errichtung von Universitäten und Hochschulen im Ruhrgebiet wurden zügig vorangetrieben. Auch im Umweltschutz tat er sich hervor: Schon 1961 forderte er den blauen Himmel über der Ruhr. Daneben bemühte er sich, ein neues Landesbewußtsein zu schaffen mit der - allerdings gescheiterten - Schaffung eines großen Landeswappens und eines Landesordens, der Einführung einer Sportplakette, eines Kunstpreises, dem Aufbau einer Kunstsammlung und der Einrichtung des Hauses der Wissenschaften in Düsseldorf. Er darf als Modernisierer gelten, der einen wesentlichen Beitrag zur "Staatsfindung" des neuen Bindestrichlandes leistete.

          Auch in die Bundespolitik mischte der überzeugte Föderalist sich ein: in den Streit um das zweite Fernsehen, in die Diskussion um die Verteilung der Steuern zwischen Bund und Ländern, schließlich in die Deutschland- und Ostpolitik, in der er für eine Politik der kleinen Schritte eintrat, und in die Auseinandersetzungen in der CDU zwischen den Gaullisten und den Atlantikern, denen er zuneigte. Vor allem die Kohlenkrise, die den gesamten Zeitraum seiner Ministerpräsidentschaft überschattete, führte in Verbindung mit dem verheerenden Vertrauensverlust in die Bundesregierung unter Kanzler Erhard zu der schweren Niederlage seiner Partei bei der Landtagswahl 1966 und - nach Etablierung der Großen Koalition im Bund - zu seinem Sturz, mit dem die "Epoche der SPD-Dominanz" an Rhein und Ruhr begann.

          In den folgenden Jahren war Meyers noch maßgeblich beteiligt an der kommunalen Neugliederung des Bonner (1969) und des Mönchengladbacher Raums (1975). Sein Versuch, zur Landtagswahl 1970 als Spitzenkandidat seiner Partei aufgestellt zu werden, scheiterte aufgrund parteiinterner Querelen. Mit dem Bewußtsein "Der Sohn eines berittenen Polizeibeamten hat es weit genug gebracht" zog sich der lebensbejahende Meyers, dessen Ecken und Kanten in dem Buch etwas kurz kommen, aus der aktiven Politik zurück. Stefan Marx liefert mit seinem Buch nicht nur einen bloßen Lebensbericht, sondern einen bedeutenden Beitrag zur Zeitgeschichte und insbesondere zur nordrhein-westfälischen Landesgeschichte.

          GÜNTER BUCHSTAB

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