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: Abrechnung mit dem Islam

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Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 270 Seiten, 18,90 [Euro].Hüzün ist türkisch und bedeutet Melancholie, Trauer. Es beschreibt das Innenleben eines Menschen, der hilflos seinem Schicksal ausgeliefert ist, sagt Necla Kelek.

          Necla Kelek: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 270 Seiten, 18,90 [Euro].

          Hüzün ist türkisch und bedeutet Melancholie, Trauer. Es beschreibt das Innenleben eines Menschen, der hilflos seinem Schicksal ausgeliefert ist, sagt Necla Kelek. Die deutsch-türkische Soziologin kennt dieses Gefühl. Als sie 1968 im Alter von neun Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland ging, ließ sie ihr geliebtes Istanbul zurück. Als Tscherkessin war sie schon in der Türkei eine Außenseiterin gewesen, als Türkin in einer deutschen Kleinstadt verschärfte sich dieser Zustand. Ihre Busenfreundin Steffi gab ihr den Laufpaß: Ihretwegen hätte sie sich im Deutschunterricht verschlechtert.

          Der unnahbare Vater entfernte sich von der Familie bald so weit, daß er für sie zu einem Fremden wurde und verhaßt dazu, weil er ihr die Geborgenheit, ja ihre Kindheit, gestohlen hatte. Als sie in die Pubertät kam, verbot er ihr jeglichen Sport - zum Schutz ihrer Jungfernhaut und der Ehre der Familie. Am Völkerballspiel nahm sie fortan nur noch als Zuschauerin teil: "Der Platz auf der Ersatzbank entsprach so ganz meinem damaligen Lebensgefühl." Anders als ihre beiden älteren Geschwister revoltierte sie jedoch gegen die traditionsbedingten Auflagen der Eltern - durch Depression und dann offene Verweigerung. Die Schule und die Berufsausbildung waren für die begabte junge Frau die Rettung. Verbittert kehrte der Vater schließlich in die Türkei zurück, ließ seine zerrüttete Ehe scheiden und heiratete eine 35 Jahre jüngere Frau. Hüzün als Lebensthema: "Mein Vater war für mich schon lange gestorben - mein halbes Leben lang hatte ich schon um ihn getrauert."

          Frau Kelek sagt, sie habe viele Jahre gebraucht, um dieses Hüzün-Gefühl zu überwinden und endlich in der neuen Heimat anzukommen. Heute ist die Mutter eines Sohnes auf ihren deutschen Paß sogar stolz. Als promovierte Volkswirtschaftlerin und Soziologin ist sie auf das Thema Parallelgesellschaften spezialisiert und berät die Hamburger Justizbehörde im Zusammenhang mit türkischen Straftätern. Ihr Schreibstil ist fesselnd, und man spürt in ihren bewegenden Erzählungen die Kraft einer Person, die viel erlitten hat, bevor sie dort angelangt ist, wo sie jetzt ist: integriert in die deutsche Gesellschaft und erfolgreich.

          Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, daß der schmerzhafte Anpassungsprozeß und Keleks Wunsch, endlich nicht mehr zu den Ersatzbänklern, sondern zur Mitte zu gehören, seinen Preis gekostet hat: Die Autorin benutzt mitunter eine fast aggressive Sprache, wenn sie mit der türkisch-muslimischen Gesellschaft ins Gericht geht. Das läßt auf tiefe Verletzungen und auf eine überzogene Abgrenzung von einer Welt schließen, von der die Autorin sich wohl noch immer bedroht fühlt. Denn dort, wo ihre Lebensgeschichte abrupt endet, beginnt - Hüzün ade - eine kompromißlose Abrechnung mit dem Islam, den die Autorin als größtes Hindernis zur Integration der Türken in Deutschland sieht. Ihr Hauptthema ist die Lage der muslimischen Frauen und insbesondere der "Importbräute" - jener jungen Frauen, die, gerade eben mal 18 Jahre alt, aus der Türkei geholt und mit türkischen Männern verheiratet werden, nicht lesen und nicht schreiben können und von der Familie ihres Ehemannes vollkommen abhängig sind.

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