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: Abenteuer über Wasser

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Rolf Hobson: Maritimer Imperialismus. Seemachtideologie, seestrategisches Denken und der Tirpitz-Plan 1875-1914. Aus dem Englischen von Eva Besteck. R. Oldenbourg Verlag, München 2004. XX und 388 Seiten, 34,80 [Euro].Vor einem Vierteljahrhundert deutete Volker Berghahn in seiner Studie über den Tirpitz-Plan ...

          Rolf Hobson: Maritimer Imperialismus. Seemachtideologie, seestrategisches Denken und der Tirpitz-Plan 1875-1914. Aus dem Englischen von Eva Besteck. R. Oldenbourg Verlag, München 2004. XX und 388 Seiten, 34,80 [Euro].

          Vor einem Vierteljahrhundert deutete Volker Berghahn in seiner Studie über den Tirpitz-Plan die wilhelminische Flottenpolitik als gesamtpolitische Strategie, die nicht nur Großbritannien als Weltmacht eines Tages beerben wollte, sondern auch die deutsche Klassengesellschaft mittels einer "innenpolitischen Krisenstrategie" langfristig konservieren sollte. Der norwegische Historiker Rolf Hobson stellt den Tirpitz-Plan jetzt in den größeren Zusammenhang der militärstrategischen Debatten des 19. Jahrhunderts: Er führt komparativ in die "sich wandelnden Mechanismen internationaler Rivalität" ein und zieht neben den einschlägigen Seekriegstheoretikern (voran Alfred Th. Mahan) auch die Landstrategen (angefangen bei Jomini und Clausewitz) heran.

          Hobson unterscheidet im deutschen Fall eine preußische Seemachtschule, die bis in die Regierungszeit des (vormaligen Marinechefs) Reichskanzler Leo von Caprivi in den Jahren 1890 bis 1894 gegolten habe. Diese habe klar definierte Aufgaben im Falle eines Zweifrontenkrieges zu Lande gegenüber Frankreich und Rußland vor Augen gehabt. Als diese preußische Schule - argumentativ - auf Mahans Theorien getroffen sei, habe sich unter Alfred Tirpitz aus der Marinestrategie ein brauchbares Argument für eine anderweitig längst in Gang gesetzte Weltmachtpolitik gefunden: "Deutsche Nationalisten suchten nach Argumenten für eine expansive Außenpolitik." Damit sei dann die militärische Argumentation von der politischen abgekoppelt worden, ohne daß sich die Protagonisten dessen selbst bewußt gewesen seien.

          Der Geist der Offensive, der für einen Flottenbau gegenüber den kontinentalen Gegnern ein sinnvolles Ziel abgegeben habe, sei auch gegenüber Großbritannien als hauptsächlichem Gegner seit den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts beibehalten worden - dann aber um den "Risikogedanken" ergänzt. Dies habe bedeutet, daß eine Relation von etwa zwei deutschen zu drei englischen Großschiffen die Royal Navy daran hindern werde, eine deutsche Flotte zu zerstören. Diese Flotte sollte als Faktor der Weltpolitik anerkannt werden, also eine deutsche Weltgeltung friedlich mittels Drohpolitik durchsetzen. "Tirpitz hat die Diskrepanz zwischen seinen beiden Konzepten von Seemacht nie überwunden" - eben der militärischen und der politischen.

          Hobson hat wenig neues Material aus den Archiven erschlossen, liest jedoch die bekannten und zumeist gedruckten Denkschriften und Briefe neu. Seiner Meinung nach kamen die Risikotheorie und auch die wirtschaftlichen und sozialen Implikationen von Seemacht aus der "Rezeption" des amerikanischen Seekriegstheoretikers Mahan hinzu, was zu einer "Kehrtwende" gegenüber den bisherigen seemilitärischen Ansätzen im Argumentationsschatz von Marine, deutscher Politik und Öffentlichkeit geführt habe. Daher könne im Schlachtschiffbau von Kontinuität keine Rede sein, als das kaiserliche Deutschland von den Kontinentalmächten auf England als Hauptgegner umschwenkte.

          Tirpitz' Argumentation vom "Risiko", das England angesichts einer mächtigen deutschen Schlachtflotte einging, traf aber nur zu, wenn die anderen "kleineren" Marinen - etwa Frankreichs und Rußlands - nicht auf seiten des Inselreiches standen. Wie wollte Tirpitz eine solche, im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts immer wahrscheinlicher werdende Entwicklung verhindern? Laut Hobson mischte er sich gerade hier nicht in die Außenpolitik ein, blieb weitgehend seinem Marineressort verhaftet: "Mund halten und Schiffe bauen", lautete seine Devise, die angesichts der durch die Royal Navy angenommenen Herausforderung zunehmend im Nebel der Zukunft entschwand.

          Das müßte eigentlich zu einem ebenso vernichtenden Urteil über diese Flottenpolitik führen, wie sie Berghahn und andere Historiker geäußert haben. Hobson, der seine dichte Beweisführung schon etwa um 1900 abbricht, ist jedoch vorsichtiger: Auch in anderen Ländern habe man gerade dieser Seemachtideologie gehuldigt; der deutsche Fall sei in dieser Hinsicht nichts Besonderes. Die britische Drohung gegenüber Deutschland sei "real" gewesen: "Mit seinen markantesten Aspekten war der Navalismus in diesen Jahren ein weltweites Phänomen . . . Es ist schwer, im wilhelminischen Navalismus . . . eine besonders aggressive Form des Expansionismus zu erkennen."

          Da kommen Zweifel auf. Zum einen: Wenn zwei (oder mehrere) den gleichen Denkhorizont haben, sind die Folgen etwa angesichts deutscher kontinentaler Gebundenheit und beträchtlich wachsender Ressourcen vielleicht doch nicht das gleiche. Dem subjektiven Faktor eines deutschen Navalismus entsprachen in der Wahrnehmung der Zeitgenossen sehr viel weiter reichende Folgen. Und wenn die Risikotheorie militärisch und logisch eine Schimäre blieb, um Großbritannien willfährig zu machen, löste sie nicht dennoch eine einleuchtende Überreaktion in London aus, wo man einen deutschen Schiffbau in Richtung auf Parität mutmaßen mußte? Und die innenpolitischen Motive waren auch bei Tirpitz, dem Erfinder der öffentlichen Massenpropaganda, wohl nicht nur Zutaten am Rande. Von "unspoken assumptions" handelte vor zwei Jahrzehnten das grundlegende Werk des britischen Historikers James Joll über die Ursprünge des Ersten Weltkrieges. Von "erwartbaren Konsequenzen" war bei der Umsetzung des Tirpitz-Plans auszugehen, die allerdings nicht immer im Kern der Überlegungen des Admirals standen.

          Hobson hat mit diesem Buch viele und kluge Ansätze zum Überdenken liebgewonnener Deutungen gegeben. Der Forschung weiterhelfen kann jedoch erst die von ihm selbst geforderte durchgängig komparative Analyse.

          JOST DÜLFFER

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