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1939 bis 1945 : Liechtenstein und Hitlers Schein

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Bild: dpa

Selbsterhaltungstrieb und Wallensteins Marschallstab: Ein imposantes Werk beschreibt, wie sich das Fürstentum Liechtenstein durch den Zweiten Weltkrieg schlug.

          Das staatliche Minuskel mit 10500 Einwohnern, davon gut zehn Prozent Reichsdeutsche, nur am Wegrand des Zweiten Weltkrieges liegend: Dennoch spürte Liechtenstein die Auswirkungen der vorüberziehenden militärischen Ereignisse. In deren Schlagschatten veränderten sich das innen- und außenpolitische Beziehungsgeflecht, die wirtschaftlichen Bedingungen, das zwischenmenschliche Mit- und Gegeneinander, und es fehlte nicht an ganz persönlichem Betroffensein.

          Der Liechtensteiner Autor Peter Geiger vermittelt einen lebendigen Eindruck von den Binnenverhältnissen des Landes unter Kriegsbedrohung. Wie reagierte die fürstliche Regierung darauf, was empfand die Mehrheit des Staatsvolkes? Die Verhältnisse beeinflussten das tägliche Leben durch Regulierungen und Einschränkungen, wenngleich in Maßen, so durch Kontingentierung gehobener Nahrungsmittel und Preisbindungen.

          In Anbetracht volkstumspolitischer Expansion des „Dritten Reiches“ bildeten die beiden konkurrierenden bürgerlichen Parteien FBP (Fortschrittliche Bürgerpartei und VU (Vaterländische Union) zwar 1938 eine Koalitionsregierung zur Demonstration staatlicher Geschlossenheit. Doch wuchsen neben ihnen zwei neue Kräfte heran, die Liechtensteiner Volksdeutsche Bewegung sowie die den Auslandsdeutschen vorbehaltene NSDAP. Im Sog der Inkorporation Österreichs in das Reich wagten die Liechtensteiner NS-Anhänger - von Berlin missbilligt und daher wohl auch gescheitert - einen Putsch mit dem Ziel des Anschlusses auch ihres Landes.

          Die vielfachen Solidaritätsbekundungen Auslandsdeutscher gegenüber dem Deutschen Reich, etwa durch Freiwilligenmeldung zu Wehrmacht und SS, schufen zwischen staatstreuer Mehrheit und nazifizierter Minderheit ein Klima des Misstrauens. Das führte zu institutionellen Auseinandersetzungen, besonders seitens der katholischen Kirche. Das Fürstentum lebte mit einer latenten innenpolitischen Destabilisierungsgefahr, zumal die Spitze der VU deutliche Affinitäten zum Nationalsozialismus besaß. Allerdings war die staatliche Integrität nie ernsthaft bedroht.

          Das innenpolitische Spannungsfeld versteht sich vor dem Hintergrund eines vom Autor wohl überdimensional entworfenen außenpolitischen Bedrohungsszenarios, für das die zahlreichen Planspiele der Wehrmacht zur Missachtung der Liechtensteiner Neutralität und Souveränität als Vorlage dienten. Sie erlangten keine politische Aktualität.

          Zahlreiche Willensbekundungen von Reichsdeutschen zur Respektierung der staatlich-territorialen Unverletzlichkeit des Fürstentums, in ihrer Ernsthaftigkeit nicht hinlänglich hinterfragt, vermochten die Bedrohungsangst der Mehrheit der Liechtensteiner nicht zu mindern. Der Autor selbst gibt sich überzeugt, dass sein Land spätestens nach einem deutschen „Endsieg“ seine Souveränität auf dem Altar nationalsozialistischer Volkstums- und Europapolitik hätte opfern müssen. Im Zeichen einer existentiellen Bedrohung hätte der Fürst seine landespolitischen Pflichten wohl in Liechtenstein wahrgenommen. Stattdessen verbrachte die fürstliche Familie die Hälfte der Kriegszeit im großdeutschen Wien zwecks Verwaltung ihrer Firmen und Latifundien.

          Wie informativ, umfänglich und scharfsinnig analysiert das innenpolitische Geschehen dargestellt ist, so randständig, punktuell und letztlich spekulativ erfolgt der Umgang mit der Außenpolitik, die weitgehend an der Schweiz ausgerichtet war. Diese nahm auch die diplomatische Vertretung des Fürstentums gegenüber Drittstaaten wahr. Doch bestand ein vielfältiges Liechtensteiner Beziehungsgeflecht mit Regierungs-, Verwaltungs- und Parteiinstanzen im angrenzenden ehemaligen Österreich, aber auch mit hochkarätigen Repräsentanten des „Dritten Reichs“, einschließlich Hitler.

          Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Glückwunschaustausch zwischen dem „Führer“ und Fürst Franz Josef II., ohne dass die politische Bedeutung zutage träte. Das gilt auch für den ersten offiziellen Empfang des jungen Fürsten Anfang März 1939 in Berlin, der ausgewählte Präsente überreichte. Der eitle Göring erhielt Wallensteins Marschallstab, auch wenn die fürstliche Familie nach dem Krieg zu suggerieren suchte, es habe sich um eine Fälschung gehandelt.

          Der Autor schwächt die Intensität der nicht verschwiegenen Kontakte zwischen Fürstenhaus und nationalsozialistischen Größen behutsam ab. Dabei versteht sich dieses Arrangement gegenüber einem übermächtigen expansionistischen Nachbarn aus politischem Selbsterhaltungstrieb von alleine - auch weil sich die beträchtlichen fürstlichen Vermögenswerte überwiegend im „Großdeutschen Reich“ befanden. Problematisch wird es dort, wo das fürstliche Staatsoberhaupt und seine Regierung politische und private Geschäfte miteinander mischten. Das zu trennen mag aus Gründen patriotischer Loyalität schwerfallen, weshalb der Autor wohl auf eine systematische Darstellung der Liechtensteiner politischen wie wirtschaftlichen Außenbeziehungen verzichtet. Immerhin deutet er an, dass es bei besagtem Staatsbesuch auch insgeheim um die nach dem Ersten Weltkrieg in der Tschechoslowakei eingebüßten Besitzungen ging, deren Rückgabe der Fürst im Vorfeld der "Lösung der tschechoslowakischen Frage" erfolgreich anstrebte.

          Waren Franz Josef und seine Regierung aus ökonomischem Interesse zustimmende Mitwisser der Zerschlagung der Tschechoslowakei Mitte März 1939? Jedenfalls revanchierte sich das Fürstenhaus mit großzügigen Spenden an NS-Organisationen von HJ bis SS. Erwähnt, aber nicht hinreichend problematisiert, ist der fürstliche Zukauf „arisierten“ zwangsveräußerten jüdischen Besitzes. Hier gilt als Bewertungskriterium, dass ein ausländisches Staatsoberhaupt zum eigenen materiellen Vorteil unausgesprochen die Enteignung der Juden seitens des NS-Regimes sanktionierte.

          Damit ist das wissenschaftliche Manko des Werkes angesprochen: Der Autor hat eine narrative Darstellung Liechtensteiner Politik und Gesellschaft vor dem hintergründigen Konstrukt massiver nationalsozialistischer Bedrohung von außen und innen gewählt, die es ihm erlaubt, heikle Themen des deutsch-liechtensteinischen Verhältnisses aufzugreifen, ohne zu prüfen, ob sie in einen anderen kausalen Kontext gehören. Einer solchen Sicht der Dinge entsprach nach dem Krieg die Verurteilung lediglich der Putschisten von 1938 sowie des Landesleiters der Volksdeutschen Bewegung, während beispielsweise die Verantwortlichen für die Zwangsarbeit der Liechtensteiner Juden rechtlich nicht belangt wurden. Diese kritischen Anmerkungen sollen den Stellenwert der beiden Bände als imposante Faktensammlung nicht mindern, die der Autor ansprechend zu vermitteln weiß.

          Peter Geiger: Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945. Verlag Chronos, Zürich 2010. 2 Bände, 1328 Seite, 72,50 Euro.

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