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Politik vor dem Kollaps : Blindflug, Selbstlob, Wortbruch, Lüge

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Gute Gründe für Protest

Der Autor legt die Memoiren auch als eine Art Bildungsroman an. Nachdem die Finanzministerin Christine Lagarde in der Folge des Strauss-Kahn-Skandals zur neuen Chefin des IWF nach Washington berufen worden war, darf sich Le Maire Hoffnungen auf den bedeutenden Posten machen. Sarkozy nimmt seinen „lieben Bruno“ beiseite: „Also du machst jetzt das Finanzministerium, eine gute Entscheidung.“ Typisch Sarkozy: Eine von ihm getroffene Entscheidung wird auch umgehend gelobt, von ihm selbst. Doch der entscheidende Tag der Kabinettsumbildung vergeht, ohne dass das Telefon läutet. Am Abend teilt man ihm mit, dass ein anderer Finanzminister wird. Eine Erklärung dafür gibt es nicht.

In den ersten Jahren als Minister wurde Le Maire mit den üblichen Salven von Obst und Gemüse, mit Flaschenwürfen und deftigen Flüchen empfangen. Irgendwann dämmerte ihm, dass die Bauern ja vielleicht auch gute Gründe hatten, derart zu protestieren. Ihm ging ein Licht auf: Man sollte ihnen helfen, dann werfen sie auch nicht mehr mit Tomaten. Er bereist die Nachbarländer, findet Kompromisse und erreicht etwas für seine Bauern. Ob es sinnvoll sei, für die Landwirtschaft in Europa so viel mehr auszugeben als für Forschung und Entwicklung, diese Frage stellt Le Maire nicht. Er will als Fachminister reüssieren, zumal der Landwirtschaft in Frankreich ein eminenter symbolischer und emotionaler Wert zukommt. Das zeigt sich bei jeder Landwirtschaftsmesse: Je mehr die Politiker den Zugriff auf die großen Systeme und Probleme verlieren, desto beherzter streicheln sie ein Rind.

Zu viel Obrigkeit

Aber die Bilder lügen. Das ist Bruno Le Maires politische Urerfahrung. Er war als junger Diplomat im Sitzungssaal der Vereinten Nationen in New York anwesend, als Colin Powell ein Röhrchen in die Luft hielt und erklärte, darin sei Anthrax. Le Maire und sein Chef, der französische Außenminister, wussten genau, dass Powell in diesem Moment die Unwahrheit sagte. Doch diese Lüge ging um die Welt und führte zu einem Krieg, für den kein damals handelnder Politiker je zur Rechenschaft gezogen wurde. Ist diese Verantwortungslosigkeit selbst in Fragen von Krieg und Frieden ein Grund für den Vertrauensverlust bei den Bürgern?

Bruno Le Maires wichtiges Buch sollte so schnell wie möglich auch ins Deutsche übersetzt werden. Jedem Leser wird einleuchten, dass wir in Europa noch zu viel Obrigkeit haben, den Regierungen zu viel zutrauen und leichtfertigerweise die Gewissheit pflegen, Spitzenpolitiker hätten mehr Kompetenz, Informationen, Erfahrung und Durchblick als wir. Wenn es je einen Beweis für die Dringlichkeit vermehrten politischen Engagements gegeben hat, dann durch dieses Buch.

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