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Politik vor dem Kollaps : Blindflug, Selbstlob, Wortbruch, Lüge

  • -Aktualisiert am

Der Ausschnitt von Angela

Das Buch hält neben beklemmenden Endzeitbeobachtungen echte Rosinen bereit. So schreibt Bruno Le Maire, dass Sarkozy sich Mitte November 2011 ganz konkret mit der Frage beschäftigte, wo er denn Banknoten für Francs herbekommt, falls, womit er rechnete, der Euro in der folgenden Woche kollabiert. Damals hat das Sarkozy vehement dementiert. Le Maire resümiert die damalige Lage der Französischen Republik wie folgt: „Unser Schicksal entgleitet uns, es liegt nun allein in den Händen der deutschen Kanzlerin und des Präsidenten der EZB.“

Ein Scherzen, ein Ausschnitt, ein schwitzender Dolmetscher: Die Arbeitsbeziehung von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel war mitunter von ernsten Entgleisungen geprägt

Sarkozy entwickelt eine Obsession mit der Kanzlerin, die zu ernsten Entgleisungen führt. So einer Szene wohnt Le Maire am Rande des G-20-Gipfels in Cannes bei, jener verregneten Veranstaltung, die eigentlich die Wiederwahl Sarkozys sichern sollte, dann aber ganz im Zeichen der griechischen Krise stand. Während einer Beratungspause ziehen sich der Präsident und die Bundeskanzlerin in ein separates Zimmer zurück. Sie beobachtet, wie sich Sarkozy von seiner persönlichen Visagistin schminken lässt, sie reden dann auch über Frisuren, bis Sarkozy, sehr zum Unbehagen des Dolmetschers, behauptet, Merkel sei kokett. Sie zeigt sich überrascht, dann antwortet der Präsident: „Aber ja. Meinst du, die Sache mit deinem Ausschnitt ist mir entgangen? Ah, der Ausschnitt von Angela! Ganz Frankreich hat darüber geredet!“ Außenminister Juppé eilt dem bereits transpirierenden Dolmetscher zu Hilfe: „Nun wird es aber wirklich intim, sollen wir euch allein lassen?“ Und während der Präsident noch lacht, greift sich Merkel einen Keks.

Frankreich als Kfz-Werkstatt

Durch Le Maires Schilderung wird aber auch deutlich, wie raffiniert Merkel ihren französischen Partner auszubremsen versteht. Wenn Sarkozy sie mit Forderungen oder gar Ratschlägen bedrängt, weicht sie aus, indem sie auf das föderale System oder das Bundesverfassungsgericht verweist. In Deutschland weiß man freilich, dass die Richtlinien der Politik nicht in Karlsruhe bestimmt werden und dass sich das höchste Gericht durchaus schwer damit tut, Entscheidungen von Parlament und Regierung komplett zu kippen. Man weiß auch, dass sich kein Länderfürst der Union dauerhaft gegen die Kanzlerin durchzusetzen vermochte. Dennoch erweckt Merkel bei den Franzosen gerne diesen Eindruck. Sie sagt dann „Ich bin nun mal nicht so mächtig wie du, Nicolas.“ Das hört der gerne, erzählt es seinen Leuten weiter - und merkt zu spät, dass seine Macht dahinschmilzt, während die der Kanzlerin gerade durch solche Verzögerung intakt bleibt.

Le Maire beschreibt im politischen Schicksal Sarkozys nicht allein ein persönliches Manko, sondern das strukturelle Problem eines Systems, das Mediendauerpräsenz mit politisch-administrativer Dominanz verbindet. Teamarbeit ist hier unbekannt, das Land wird geführt wie eine Kfz-Werkstatt auf dem Lande: Wenn der Chef schweigt, schweigen alle. Nur er bringt Themen auf. Solche, die er nicht anspricht, werden nicht besprochen. Und wenn er etwas Falsches sagt, korrigiert ihn niemand. So sind die Minister darauf angewiesen, das Gesicht, die Mimik des Präsidenten zu lesen wie Landwirte den Himmel. Le Maire macht daraus Sätze von bestechender literarischer Qualität, was einem anderen Autor Naturschilderungen sind, sind bei ihm Skizzen über Sarkozys Augen, die sich binnen Sekunden verdunkeln können wie ein Bergsee bei Gewitter.

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