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Politik und Religion : Wie viel Bekenntnis verträgt die SPD?

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Was aber wird die Parteiführung tun, wenn sich Nichtchristen das Thiersesche Argument zu eigen machen und dann eben als Arbeitsgemeinschaft der Atheisten auftreten? Soll die dann auch nicht zugelassen werden? Hier scheint jemand den Pluralismus nicht zu Ende gedacht zu haben. Zum Pluralismus gehört, dass das lautstarke Bekenntnis der einen Gruppe durch das ebenso lautstarke Bekenntnis einer anderen Gruppe beantwortet wird. Christen, die die Mission zu ihrem Kerngeschäft zählen, geben sich indigniert, wenn gern als „militant“ verunglimpfte Kirchengegner auftreten, obwohl diese nichts anderes tun, als eben ihre eigene Propaganda zu betreiben. Man vergesse doch nicht, dass das Wort Propaganda seinen Ursprung vom Namen einer römischen Kongregation herleitet, die einen Kardinal zum Präfekten hatte. Die Atheisten von heute sehen nicht ein, warum sie dafür dankbar sein sollen, dass sie unter der Auflage, still und leise zu sein, in einer vom religiösen Diskurs beherrschten Öffentlichkeit geduldet werden.

„Wenn Jesus heute lebte, wäre er Sozialdemokrat“

Der derzeitige Christentumshype vollzieht sich unter der Voraussetzung, dass theologische Genauigkeit ostentativ abgelehnt wird. Der Einzige, der hier nicht mitmacht, ist der Papst selbst. Die Redeweise von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist so allgemein geworden, dass man unbedingt einmal den Zweifel wachrufen muss, ob die Welt überhaupt eine Schöpfung ist. Viele evangelische Pfarrer in der DDR haben es 1989/90 vorgezogen, die Blockpartei CDU zu meiden, und sind in die unbelastete SPD eingetreten. Es widerspricht aber unserem historischen Wissen, aus der Tatsache, dass die Kirchen in der DDR ein Refugium geistiger Freiheit gebildet haben, die Vermutung abzuleiten, dass die Verbindung von Christentum und Demokratie zwingend sei.

Das Bündnis von Thron und Altar in Preußen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein ist ebenso ein Gegenbeweis wie die Verurteilung von Liberalismus und Religionsfreiheit durch die Päpste des neunzehnten Jahrhunderts - vor allem durch jenen Pius IX., dessen Seligsprechung im Jahre 2000 gegen den Protest zahlreicher deutscher Kirchenhistoriker durchgesetzt wurde. Noch im zwanzigsten Jahrhundert erklärte Kardinal Faulhaber, ein guter Katholik müsse Monarchist sein. In Mecklenburg-Vorpommern ist es aller Ehren wert, wie sich Pfarrer und Gemeindemitglieder gegen die NPD stellen, besonders dort, wo es sonst außer der Kirche keine Strukturen mehr gibt. Aber machen wir uns doch nichts vor: Gegner des Nationalsozialismus waren im evangelischen Pfarrerstand des Jahres 1933 nicht besonders lautstark vertreten. Im heutigen Russland dagegen ist die Renaissance einer eng mit dem Staat verbandelten Kirche eher ein Anlass zum Gruseln. Sätze wie „Wenn Jesus heute lebte, wäre er Sozialdemokrat“ sind doch wohl zu einfältig, als dass man sie sich gestatten dürfte.

Es gehört zum Kalkül von Parteistrategen, abzuwägen, ob man durch einen Kurswechsel mehr gewinnen kann, als man bei den alten Anhängern verliert. Sehen wir uns den jüngsten SPD-Parteitag an, zu dessen offiziellem Programm auch ein Gottesdienst gehörte, so scheinen Sigmar Gabriel und Andrea Nahles darauf zu setzen, in einem Bündnis mit den Kirchen das kapitalismuskritisch gewordene Bürgertum abzufischen. Dazu passt, dass man sich darum bemüht, Margot Käßmann auf einem prominenten Platz mit einer Kandidatur auszustatten.

Genauso, wie Angela Merkel gerade riskiert, dass ihr die konservativen Stammwähler davonlaufen, riskieren Gabriel und Nahles aber, das alte Freidenkermilieu zu verprellen. Auch die „neuen Atheisten“ werden nicht lockerlassen, zumal sich ihr geistiges Rüstzeug inzwischen über den Stand von Ernst Haeckel hinaus entwickelt hat. So, wie Sigmar Gabriel aber auf dem Parteitag versprochen hat, die SPD werde sich nie wieder von den Arbeitern entfernen, so sollte er auch beherzigen, dass die Partei ebenfalls im antiklerikalen bürgerlichen Milieu Wähler angezogen hat, die sie verspielen könnte.

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