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Politik und Religion : Wie viel Bekenntnis verträgt die SPD?

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Mit den Kirchen gegen die Sekten

Wolfgang Thierse begründet dies damit, dass Laizisten nicht weltanschaulich neutral seien, sondern eine bestimmte Weltanschauung, nämlich die areligiöse, durchsetzen wollten, indem sie dem Staat untersagten, Religionsgemeinschaften zu privilegieren. Tatsächlich ist die Ordnung unseres Grundgesetzes anders als die Ordnung Frankreichs seit der Gesetzgebung von 1905 nicht laizistisch, sondern begünstigt die Großkirchen in vielerlei Hinsicht. Mit juristischen Kniffen wird außerdem versucht, kleineren Glaubensgemeinschaften wie den Zeugen Jehovas die Vorteile des öffentlich-rechtlichen Status vorzuenthalten. Kirchliche „Sektenbeauftragte“ arbeiten mit staatlichen Stellen zusammen. Unsere Ordnung wäre noch viel klerikaler ausgefallen, hätte nicht die SPD im Parlamentarischen Rat dem vorgebaut - vielleicht hätten wir heute, wäre die SPD nicht gewesen, sogar statt Schwarz-Rot-Gold eine Flagge mit Kreuz.

Warum gewinnt man aber den Eindruck, als verschiebe sich der über Jahrzehnte sorgsam austarierte Status quo in Richtung Religion? Könnte nicht die SPD dem christlichen Empfinden eines Großteils ihrer Mitglieder entgegenkommen, auch wenn der Staat laizistisch wäre, das heißt die öffentlich-rechtlichen Privilegien der Kirchen samt Kirchensteuer und Konkordatslehrstühlen abgeräumt würden? Umfragen zufolge ist der Anteil der Kirchenmitglieder in der SPD höher als in der Gesamtbevölkerung. Es ist aber schon eine seltsame Argumentationsfigur, wenn man sagt, dass jemand, der die Begünstigung einer bestimmten Denkweise - und wenn sie auch die von zwei Dritteln (der Bevölkerung) oder drei Vierteln (der SPD-Mitglieder) wäre - nicht will, einseitig für eine andere Denkweise Partei nimmt.

Mit den Pfarrern gegen die Rechten

Noch dazu ist es eine dreiste Vereinnahmung, aus bloßen Kirchenmitgliedschaften Schlussfolgerungen ableiten zu wollen, da niemand in die Herzen dieser Kirchenmitglieder hineinsehen kann und will. Gerade die Tatsache, dass dem Staat möglicherweise bestimmte Bekenntnisinhalte oktroyiert werden können, über die dann womöglich ein - innerchristlicher - Streit ausbrechen kann, hat der Entscheidung der amerikanischen Verfassungsväter zugrunde gelegen, eine etablierte Religion nicht vorzusehen. Und doch ist Amerika heute ein christlicheres Land als Deutschland. Wer sich auf die Erfahrungen der Pfarrer und Pfarrerskinder in der DDR beruft, wird nicht umhin kommen, sich mit den anderslautenden, aber zum Teil unangenehmen Erfahrungen von Westdeutschen auseinanderzusetzen, die in der Ära der staatlich verordneten Konfessionsschulen aufgewachsen sind.

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