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Politik als Schauspiel : Das große bunte Staatstheater

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Franz Müntefering, hier 2008 in Kleve: „Wir erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, verbindlichen Text, feste Struktur, Emotionen, Sinn.“ Bild: dpa

Wenn man von der Politik als einem Schauspiel spricht, ist das keine Beleidigung. Der Mensch braucht Inszenierungen und Symbole, um in der Welt klarzukommen. Aber wie macht man es richtig? Einblicke eines Berufspolitikers.

          6 Min.

          Menschen sind Schauspieler. Politiker sind Menschen. Also sind auch Politiker Schauspieler. Dass wir Menschen Schauspieler sind, hat mit unserer originären Fähigkeit zu tun, die Welt als Ganzes und doch uns selbst als Individuum und außerhalb von ihr zu denken und zu reflektieren. Wissen, ich bin Teil des Universums und seiner Naturgesetze und Mechanismen. Aber ich bin auch Beobachter dieses Ganzen und, fiktiv, außerhalb von ihm. Also: Ich bin ich. Alles andere ist das Andere, außerhalb von mir, um mich herum, nah und fern zugleich.

          Um uns Orientierung zu verschaffen in dieser besonderen Position, erfinden wir Hilfsmittel – Zeit, Raum, Gegensatz, oben und unten, Zufall und freien Willen, den Spieler und den Zuschauer. Und fertig sind damit auch die Bedingungen fürs Theaterstück und die Inszenierung. Wir sind formal Zuschauer, aber im Geheimen Mitspieler. Es geht nicht anders.

          Auf den Kniefall wäre jede PR-Agentur stolz gewesen

          Wir erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, verbindlichen Text, feste Struktur, Emotionen, Sinn, Leben. Alle Mächtigen aller Zeiten haben dieses Spiel auf ihre Art und gemäß den Bedingungen ihrer Zeit gespielt. Die Religionsmächtigen natürlich auch. Wir demokratisch Legitimierten auch, wir inszenieren, ja klar. Wir wissen dabei: Wir sind Gewählte, keine Erwählten. Und dass wir das wissen und realisieren, das ist menschheitsgeschichtlich ein Fortschritt.

          Die Philosophen haben bekanntlich die Welt unterschiedlich erklärt. Wir Politiker versuchen, die Welt zu verändern, sie, wie wir meinen, zu verbessern. Manche Philosophen sagen uns: Fortschritt, den gibt es nicht wirklich, Fortschritt machen ist gar nicht möglich. Wir Politiker sagen: Ist uns egal, wir wollen ihn trotzdem. Und schwören auf Hannah Arendt: Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

          Hier wird man nun besser praktisch. Wie Adi Preißler, Torjäger von Borussia Dortmund in den 1950er Jahren. Den Medien sollte er Taktik und Strategie im Fußball erklären. Er wusste nicht so recht und sagte: „Es kommt an auf’m Platz.“ Das finde ich auch und will vom Platz der Politik ein paar Ereignisse und Inszenierungen verdeutlichen, die mit unserem Thema zu tun haben. Sie heißen Parteitag, Programm, Rede, Wahlkampf, Koalition, Haupt- und Nebenrolle, Bühnenbild, Lieder, Fahnen, Kämpfe. Lauter Ausschnitte. Ich denke, typisch fürs Leben, für die Bühne, für die Politik.

          Franz Müntefering 2004 bei einem Besuch im Bergwerk Auguste Victoria in Haltern-Lippramsdorf

          Die fünfziger Jahre waren für die Sozialdemokratie Oppositionsjahre, scheinbar perspektivlos. Dann gab es Mitte November 1959 in Godesberg bei Bonn einen Parteitag. Den Parteitag Godesberg. Die SPD erklärte sich zur Volkspartei. Türen auf, Fenster auf. Verantwortung fürs Ganze. Und so viel Markt wie möglich, so viel Planung wie nötig. 1961, zwei Jahre später, begann der Aufstieg, mit Willy Brandt als Kanzlerkandidat, bis hin zur Kanzlerschaft 1969. Godesberg war und blieb das Schlüsselwort, der Slogan für die neuzeitliche Selbstinszenierung der Sozialdemokratie in Deutschland.

          Ende 1970. Willy Brandt kniete vor dem Denkmal für die im Warschauer Ghetto ermordeten Juden. Populär war das Bild damals nicht. Nicht in Polen, nicht in der DDR, nur sehr teilweise in der Bundesrepublik, denn da galt es nicht wenigen als Symbol des Vaterlandsverrats. Egon Bahr, der in einem anderen Auto der kleinen Kolonne gesessen hatte, war erst gar nicht ausgestiegen, er fragte Brandt später vorsichtig: „Was war da?“ Brandt sagte: „Ich hatte das Gefühl, Verneigen reicht nicht.“ Jede PR-Agentur wäre stolz, wenn sie die Idee für den Kniefall gehabt hätte. Hatte aber niemand. Brandt kniete spontan. Vor den Ermordeten, vor umstehenden Beobachtern, vor Kameras, vor der Welt. Eine Inszenierung? Ja. Ein authentisches, stolzes Stück Geschichte.

          Über Dinge reden, die man nicht richtig durchdrungen hat

          1998, als Gerhard Schröder die Niedersachsen-Wahl fulminant gewonnen hatte und Kanzlerkandidat wurde, gab es einen besonderen Parteitag der SPD. Ich war Bundesgeschäftsführer und für den Wahlkampf verantwortlich. Wir schrieben ein Drehbuch für diesen Parteitag – das ist normal – und machten es öffentlich. Es sollte ja ein wirkungsmächtiges Ereignis werden. Es gab aber auch noch wenige Exemplare eines geheimen Drehbuchs, Verschlusssache, mit detaillierten Feinheiten: „Durchklatschen, bis Spitzenkandidat Treppe betritt, dann...“ Eines dieser geheimen Drehbücher wurde von einem Mitglied der Pressestelle versehentlich einem Journalisten überlassen. Man musste mit süffisanten Kommentaren rechnen. Was tun? Anweisung: Sofort drucken. Schnellstens VS-Version an alle erreichbaren Journalisten und in die Öffentlichkeit transportieren. Und dabei uns selbst loben, was für raffinierte, ausgebuffte Inszenierer wir sind. Es klappte, alle staunten, ich auch.

          Im Jahr zuvor, 1997, habe ich lange Zeit vermutet, Helmut Kohl, der seit 1982 regierte, werde Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidaten vorstellen und sagen: Deutsche, wählt ihn! Das wäre für uns schwer geworden bei der Wahl. Aber Kohl trat selbst wieder an. Ich habe im Ollenhauer-Haus Beifall geklatscht: Kohl war aus der Zeit gefallen. Ein neuer, Junger, stand bereit. So kann es Kanzlern gehen.

          Die Regierungsjahre von 1998 bis 2001 waren schwierig, die Wirtschaft dümpelte, die Arbeitslosigkeit war hoch, Schwarzarbeit blühte, unsere im Wahlkampf versprochenen Rentenreformen erwiesen sich als illusionär. Die Zeichen für die Wahl 2002 standen nicht gut für uns. Angela Merkel bekam ein Frühstück, Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur, und er nahm sich gleich die Schwachpunkte vor.

          Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier beim Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD 2008.

          Wir uns auch. Aber wir machten auch ein sogenanntes weiches Thema zu einem zentralen. Verstärkten und forcierten es: Familie, Kinder, alles, was mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun hat. Im April 2002 gab Gerhard Schröder als erster Bundeskanzler eine Regierungserklärung vor dem Bundestag zum Thema Familie ab: Familie ist, wo Kinder sind. Er und einige von uns machten Konferenzen dazu und stießen auf gute Resonanz. Koalition und Regierung förderten massiv den Ausbau von Ganztagsschulen, setzten auf Vereinbarkeit, auf Chancengleichheit der Kinder, auf Berufsperspektiven für Frauen. Als Stoiber was merkte und reagierte, hatten wir das Thema schon bei uns, war es für ihn zu spät. Der Vorsprung am Wahlabend für Rot-Grün war sehr schmal, aber er reichte. Bei den Männern waren fünf Prozent unserer Wähler von 1998 abgesprungen, aber die Frauen waren uns treu geblieben. Die SPD hatte 6027 Stimmen mehr als CDU/CSU. Wetterjacke und Gummistiefel im Hochwasser halfen dann auch noch. Wirksame Inszenierungen können ganz schön sanft daherkommen und doch wirksam sein.

          Seine Rolle finden. Auf der Bühne, in der Politik, im Leben – immer wichtig. Ich wurde 1991 Parlamentarischer Geschäftsführer meiner Bundestagsfraktion. Hans-Jochen Vogel war Fraktionsvorsitzender. Ich musste nun über Dinge reden, öffentlich, vor zahlreichen Menschen und Kameras, die ich nicht hinreichend durchdrungen hatte. Ich wollte nicht hochstapeln. Ich zweifelte an meiner Berufung und sprach mit Hans-Jochen Vogel. Vogel sagte, ja, das bleibt dir nicht erspart – man muss seine Rolle finden. Ich habe mich durchgebissen, aber das Problem dieser Situation nie vergessen. Verantwortlich über Dinge zu reden, sich sicher sein, das Thema und so die Situation zu beherrschen, den richtigen Text richtig zu kennen, das ist Voraussetzung dafür, ihn glaubwürdig ausdrücken zu können. Würde man einen Schauspieler ohne all dies überhaupt auf die Bühne lassen?

          Für wahrhafte Inszenierungen darf man auch Beifall klatschen

          Reden können ist wichtig für Politiker. Aber wie? Zu den Menschen sprechen. Sie überzeugen, nicht überreden. Ihr Vertrauen gewinnen und festigen. Es gibt drei Stufen der Rhetorik: erstens, die Rede lesen können. Nun ja. Zweitens, frei sprechen, vielleicht mit Stichworten auf einem Spickzettel. Das kann man lernen. Das kann ordentlich sein. Drittens aber: eine wirklich gute, Wort für Wort gute, ausgefeilte, auch in ihren Nuancen stimmige Rede vortragen. Das habe ich bei Willy Brandt beobachtet, wie er, am Pult kämpfend, das richtige Wort und dessen Betonung suchte. Hoffentlich findet er es, dachte man. Dabei stand alles da, in seinem Manuskript. Er las aber die Rede nicht vor. Er sah auf das Kunstwerk vor sich, sog es ein, nahm es auf und erzählte es mit vollem, aber kontrolliertem körperlichem Einsatz den Zuhörern, blickte sie an. Da lag kein Stück Papier zwischen ihm und dem Publikum, man kommunizierte unmittelbar. So auch bei Helmut Schmidt. Mit Kanzler-Grün war sein Redemanuskript überarbeitet, hatte es den letzten Schliff bekommen. Dargeboten wie frisch in seinem Kopf gestaltet. Rhetorik, man weiß es eigentlich, das ist nicht der Text, der im Textbuch steht, Rhetorik ist der Mensch da, der seine Rede und sich inszeniert und das Publikum gleich mit.

          Franz Muentefering, damals Verkehrsminister, trägt am 28. Juni 1999 in Berlin eine Umzugskiste aus Bonn.

          Wir Inszenierer. Ich war in Kindheit und Jugend Messdiener und Pfarrjugendführer in meiner katholischen sauerländischen Heimat. Da habe ich intensiv erlebt und gelernt, was ich mehr als ein Jahrzehnt später dann in meiner Partei, der SPD, wiederfand: Rituale, Gesang. Besinnung und Gemeinschaft, Gebote und Bekenntnisse, Fahnen und Musik. Wenn es noch Weihrauch gäbe bei der SPD, könnte man von einer säkularisierten Kirche sprechen. Und warum auch nicht.

          Max Weber hat vom Augenmaß als einer der wichtigen Tugenden gesprochen, die man haben muss, um ein guter Politiker sein zu können. Und es ist eine schwierige Tugend, immer wieder gefährdet. Beim Augenmaß geht es um die richtige Distanz. Sich nicht mutlos zu verlieren in den Unübersichtlichkeiten des permanenten Prozesses, aber auch nicht in unbeteiligter Nichtbetroffenheit dem Getümmel fern zu sein. Ehrlich und sensibel, kampfbereit und kompromissbereit seine Rolle annehmen, die einem nach den Regeln der Demokratie und der Gesellschaft zugeordnet ist.

          Gute Schauspieler auf der Bühne schaffen das. Wir werden ihnen nicht vorwerfen, dass sie schauspielern. Denn sie spielen ja nicht falsch, sondern echt, genau das ist ja die Qualität der Inszenierung. Weshalb soll es nicht auch bei Politikerinnen und Politikern so sein. Wenn doch ihre Inszenierung ihrer Aufgabe gilt. Und wenn sie bei alldem wahrhaft überzeugt sind, dass die Angelegenheiten der Menschen ernst zu nehmen sind, dann darf man sogar Beifall klatschen, meine ich.

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