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Politik als Schauspiel : Das große bunte Staatstheater

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Franz Müntefering, hier 2008 in Kleve: „Wir erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, verbindlichen Text, feste Struktur, Emotionen, Sinn.“ Bild: dpa

Wenn man von der Politik als einem Schauspiel spricht, ist das keine Beleidigung. Der Mensch braucht Inszenierungen und Symbole, um in der Welt klarzukommen. Aber wie macht man es richtig? Einblicke eines Berufspolitikers.

          Menschen sind Schauspieler. Politiker sind Menschen. Also sind auch Politiker Schauspieler. Dass wir Menschen Schauspieler sind, hat mit unserer originären Fähigkeit zu tun, die Welt als Ganzes und doch uns selbst als Individuum und außerhalb von ihr zu denken und zu reflektieren. Wissen, ich bin Teil des Universums und seiner Naturgesetze und Mechanismen. Aber ich bin auch Beobachter dieses Ganzen und, fiktiv, außerhalb von ihm. Also: Ich bin ich. Alles andere ist das Andere, außerhalb von mir, um mich herum, nah und fern zugleich.

          Um uns Orientierung zu verschaffen in dieser besonderen Position, erfinden wir Hilfsmittel – Zeit, Raum, Gegensatz, oben und unten, Zufall und freien Willen, den Spieler und den Zuschauer. Und fertig sind damit auch die Bedingungen fürs Theaterstück und die Inszenierung. Wir sind formal Zuschauer, aber im Geheimen Mitspieler. Es geht nicht anders.

          Auf den Kniefall wäre jede PR-Agentur stolz gewesen

          Wir erfinden ein Stück Welt, geben ihm Anfang und Ende, verbindlichen Text, feste Struktur, Emotionen, Sinn, Leben. Alle Mächtigen aller Zeiten haben dieses Spiel auf ihre Art und gemäß den Bedingungen ihrer Zeit gespielt. Die Religionsmächtigen natürlich auch. Wir demokratisch Legitimierten auch, wir inszenieren, ja klar. Wir wissen dabei: Wir sind Gewählte, keine Erwählten. Und dass wir das wissen und realisieren, das ist menschheitsgeschichtlich ein Fortschritt.

          Die Philosophen haben bekanntlich die Welt unterschiedlich erklärt. Wir Politiker versuchen, die Welt zu verändern, sie, wie wir meinen, zu verbessern. Manche Philosophen sagen uns: Fortschritt, den gibt es nicht wirklich, Fortschritt machen ist gar nicht möglich. Wir Politiker sagen: Ist uns egal, wir wollen ihn trotzdem. Und schwören auf Hannah Arendt: Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

          Hier wird man nun besser praktisch. Wie Adi Preißler, Torjäger von Borussia Dortmund in den 1950er Jahren. Den Medien sollte er Taktik und Strategie im Fußball erklären. Er wusste nicht so recht und sagte: „Es kommt an auf’m Platz.“ Das finde ich auch und will vom Platz der Politik ein paar Ereignisse und Inszenierungen verdeutlichen, die mit unserem Thema zu tun haben. Sie heißen Parteitag, Programm, Rede, Wahlkampf, Koalition, Haupt- und Nebenrolle, Bühnenbild, Lieder, Fahnen, Kämpfe. Lauter Ausschnitte. Ich denke, typisch fürs Leben, für die Bühne, für die Politik.

          Franz Müntefering 2004 bei einem Besuch im Bergwerk Auguste Victoria in Haltern-Lippramsdorf

          Die fünfziger Jahre waren für die Sozialdemokratie Oppositionsjahre, scheinbar perspektivlos. Dann gab es Mitte November 1959 in Godesberg bei Bonn einen Parteitag. Den Parteitag Godesberg. Die SPD erklärte sich zur Volkspartei. Türen auf, Fenster auf. Verantwortung fürs Ganze. Und so viel Markt wie möglich, so viel Planung wie nötig. 1961, zwei Jahre später, begann der Aufstieg, mit Willy Brandt als Kanzlerkandidat, bis hin zur Kanzlerschaft 1969. Godesberg war und blieb das Schlüsselwort, der Slogan für die neuzeitliche Selbstinszenierung der Sozialdemokratie in Deutschland.

          Ende 1970. Willy Brandt kniete vor dem Denkmal für die im Warschauer Ghetto ermordeten Juden. Populär war das Bild damals nicht. Nicht in Polen, nicht in der DDR, nur sehr teilweise in der Bundesrepublik, denn da galt es nicht wenigen als Symbol des Vaterlandsverrats. Egon Bahr, der in einem anderen Auto der kleinen Kolonne gesessen hatte, war erst gar nicht ausgestiegen, er fragte Brandt später vorsichtig: „Was war da?“ Brandt sagte: „Ich hatte das Gefühl, Verneigen reicht nicht.“ Jede PR-Agentur wäre stolz, wenn sie die Idee für den Kniefall gehabt hätte. Hatte aber niemand. Brandt kniete spontan. Vor den Ermordeten, vor umstehenden Beobachtern, vor Kameras, vor der Welt. Eine Inszenierung? Ja. Ein authentisches, stolzes Stück Geschichte.

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