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Politik als Schauspiel : Das große bunte Staatstheater

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Über Dinge reden, die man nicht richtig durchdrungen hat

1998, als Gerhard Schröder die Niedersachsen-Wahl fulminant gewonnen hatte und Kanzlerkandidat wurde, gab es einen besonderen Parteitag der SPD. Ich war Bundesgeschäftsführer und für den Wahlkampf verantwortlich. Wir schrieben ein Drehbuch für diesen Parteitag – das ist normal – und machten es öffentlich. Es sollte ja ein wirkungsmächtiges Ereignis werden. Es gab aber auch noch wenige Exemplare eines geheimen Drehbuchs, Verschlusssache, mit detaillierten Feinheiten: „Durchklatschen, bis Spitzenkandidat Treppe betritt, dann...“ Eines dieser geheimen Drehbücher wurde von einem Mitglied der Pressestelle versehentlich einem Journalisten überlassen. Man musste mit süffisanten Kommentaren rechnen. Was tun? Anweisung: Sofort drucken. Schnellstens VS-Version an alle erreichbaren Journalisten und in die Öffentlichkeit transportieren. Und dabei uns selbst loben, was für raffinierte, ausgebuffte Inszenierer wir sind. Es klappte, alle staunten, ich auch.

Im Jahr zuvor, 1997, habe ich lange Zeit vermutet, Helmut Kohl, der seit 1982 regierte, werde Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidaten vorstellen und sagen: Deutsche, wählt ihn! Das wäre für uns schwer geworden bei der Wahl. Aber Kohl trat selbst wieder an. Ich habe im Ollenhauer-Haus Beifall geklatscht: Kohl war aus der Zeit gefallen. Ein neuer, Junger, stand bereit. So kann es Kanzlern gehen.

Die Regierungsjahre von 1998 bis 2001 waren schwierig, die Wirtschaft dümpelte, die Arbeitslosigkeit war hoch, Schwarzarbeit blühte, unsere im Wahlkampf versprochenen Rentenreformen erwiesen sich als illusionär. Die Zeichen für die Wahl 2002 standen nicht gut für uns. Angela Merkel bekam ein Frühstück, Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur, und er nahm sich gleich die Schwachpunkte vor.

Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier beim Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD 2008.
Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier beim Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD 2008. : Bild: Lüdecke, Matthias

Wir uns auch. Aber wir machten auch ein sogenanntes weiches Thema zu einem zentralen. Verstärkten und forcierten es: Familie, Kinder, alles, was mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun hat. Im April 2002 gab Gerhard Schröder als erster Bundeskanzler eine Regierungserklärung vor dem Bundestag zum Thema Familie ab: Familie ist, wo Kinder sind. Er und einige von uns machten Konferenzen dazu und stießen auf gute Resonanz. Koalition und Regierung förderten massiv den Ausbau von Ganztagsschulen, setzten auf Vereinbarkeit, auf Chancengleichheit der Kinder, auf Berufsperspektiven für Frauen. Als Stoiber was merkte und reagierte, hatten wir das Thema schon bei uns, war es für ihn zu spät. Der Vorsprung am Wahlabend für Rot-Grün war sehr schmal, aber er reichte. Bei den Männern waren fünf Prozent unserer Wähler von 1998 abgesprungen, aber die Frauen waren uns treu geblieben. Die SPD hatte 6027 Stimmen mehr als CDU/CSU. Wetterjacke und Gummistiefel im Hochwasser halfen dann auch noch. Wirksame Inszenierungen können ganz schön sanft daherkommen und doch wirksam sein.

Seine Rolle finden. Auf der Bühne, in der Politik, im Leben – immer wichtig. Ich wurde 1991 Parlamentarischer Geschäftsführer meiner Bundestagsfraktion. Hans-Jochen Vogel war Fraktionsvorsitzender. Ich musste nun über Dinge reden, öffentlich, vor zahlreichen Menschen und Kameras, die ich nicht hinreichend durchdrungen hatte. Ich wollte nicht hochstapeln. Ich zweifelte an meiner Berufung und sprach mit Hans-Jochen Vogel. Vogel sagte, ja, das bleibt dir nicht erspart – man muss seine Rolle finden. Ich habe mich durchgebissen, aber das Problem dieser Situation nie vergessen. Verantwortlich über Dinge zu reden, sich sicher sein, das Thema und so die Situation zu beherrschen, den richtigen Text richtig zu kennen, das ist Voraussetzung dafür, ihn glaubwürdig ausdrücken zu können. Würde man einen Schauspieler ohne all dies überhaupt auf die Bühne lassen?

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