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Polierte Geschichte : Post gedenkt SED-Zwangsvereinigung mit Medaille

  • -Aktualisiert am

Pieck und Grotewohl gelangen auf dem Postweg zu später Ehre Bild: Archiv

Hier etwas ganz Besonderes für Liebhaber historischer Geschmacklosigkeiten: Die Deutsche Post gedenkt der erzwungenen Fusion von SPD und KPD im Jahr 1946 mit einer Medaille. Was haben die Geschichtspolitiker der Deutschen Post AG damit wohl beabsichtigt?

          Die Numismatik oder Münzkunde ist Teil der Historischen Hilfswissenschaften und unterstützt insbesondere die Althistoriker und Mittelalterspezialisten bei ihren Forschungen. Aus der Beschreibung, Ordnung und Deutung von Münzen lässt sich manch aufschlussreiche Erkenntnis über die Wirtschafts-, Geistes- und Kulturgeschichte weit zurückliegender Epochen gewinnen.

          Für die Vertreter der Zeitgeschichte ist das münzkundliche Handwerk allenfalls von nachrangigem Interesse. Es sei denn, die Abteilung „Collection“ der Deutschen Post AG bietet eine geschichtsträchtige Medaillensammlung feil. In der höchsten Qualität „Polierte Platte“ lässt die „neue Exklusiv-Edition“ der Deutschen Post die deutsch-deutsche Geschichte von 1949 bis 2009 Revue passieren. Die Silber-Medaillen“ der Edition „60 Deutsche Jahre“ sollen dem Werbetext zufolge die bedeutendsten Personen und Ereignisse, die unser Land in den vergangenen sechzig Jahren geprägt haben, dokumentieren.

          Geschichtsverständnis der Post ist „plastisch und detailreich“

          So weit, so gut und schön für den Sammler, der solchermaßen an große Momente und Menschen der deutschen Geschichte nach 1945 erinnert wird. Auf eine „Zeitreise in die ersten Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ soll den Münzfreund die fünfte Lieferung der Silber-Edition mitnehmen. Sie ist dem 22. April 1946 gewidmet, einem Datum, das wenigstens dem Geschichtsverständnis der Deutschen Post zufolge für „Neubeginn und Parteien-Einheit“ steht. Schließlich vollzogen damals KPD und SPD, wie einem Begleitschreiben des Leiters Deutsche Post Collection in Fettdruck zu entnehmen ist, die „Vereinigung zur SED“. Auf der Vorderseite der Medaille sind die Konterfeis Otto Grotewohls und Wilhelm Piecks zu sehen, „plastisch und detailreich herausgearbeitet“, wie die Post nicht ohne Stolz hervorhebt.

          Einem Beipackzettel ähnlich weisen die Sammlungsexperten der Post freilich im Anschreiben auf unerwünschte Nebenwirkungen der SED-Gründung hin. So habe zwischen „Befürwortern und Gegnern der Fusion keine Chancengleichheit“ bestanden. „Schon bald setzte in der SED neben Ausgrenzung die Androhung von Gewaltmaßnahmen und die Verfolgung von tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern ein.“

          SED-Nostalgiker am Werk

          Bereits vor Geburt der SED und den massiven, in der Sprache der Täter: Säuberungen der ab 1948 vollends stalinisierten Partei sahen sich widerborstige SPD-Ortsvereine indes nicht nur als „Handlanger der Reaktion“ oder „Schumacher-Jünger“ geschmäht, sondern auch zahlreichen Repressionen von Redeverboten bis zu Verhaftungen ausgesetzt. Das ist in der Erläuterung des Brief-Logistikers nirgends zu lesen. „Den Kritikern“, heißt es immerhin, „blieb meist nur die Wahl zwischen Resignation oder der Flucht in den Westen.“

          Da fragt es sich umso mehr, welche Haupteffekte die Geschichtspolitiker der Deutschen Post AG mit einer Gedenkmedaille aus Anlass der SED-Gründung zu erzielen beabsichtigen. Man mag fast vermuten, sie hätten aus Umfragen einen überproportional hohen Anteil von SED-Nostalgikern unter den Münz- und Medaillensammlern ermittelt, deren alter Geschichtssicht sie in wahrhaft polierter Form zu neuem Glanz verhelfen wollen. Eine solch unkritische und verzerrte Erinnerung an die Ereignisse im Jahr 1946 kultiviert dabei nicht einmal die Nachfolgepartei der SED. So gaben im Jahr 2001 die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer und die Berliner Landeschefin Petra Pau eine Erklärung ab, in der sie ebenso verschämt wie deutlich auf „politische Täuschungen, Zwänge und Repressionen“ im Zuge der SED-Formierung hinwiesen.

          Prägepraxis von SPD angeprangert

          Während also die Erben der kommunistischen Einheitspartei wenigstens „Elemente des Zwangs“ benennen, ist in der Zunft der Zeithistoriker ohne Umschweife von der „Zwangsvereinigung“ die Rede. Hermann Weber, Nestor der historischen Kommunismusforschung, spricht sogar von einer „Zwangs- und Betrugsvereinigung“, weil die Kommunisten in den Jahren 1945/46 ihre wahren Ziele vertuscht hätten, nämlich die „Vernichtung der sozialdemokratischen Konkurrenz und den Aufbau der stalinistischen Diktatur“.

          Kaum jemand dürfte besser als die sächsische SPD um die Tatsache wissen, wie sehr die SED zur nachhaltigen Zerstörung einstiger sozialdemokratischer Milieus und Hochburgen beigetragen hat. Auf ihrem Burgstädter Parteitag am letzten Wochenende prangerte der Landesverband in einem einstimmig verabschiedeten Antrag die aktuelle Prägepraxis der Deutschen Post an. Es ist zu hoffen, dass die Kritik dort erhört werden möge. Kaum auszudenken, wie laut der Aufschrei wäre, setzte die Post-„Collection“ ihre Sammlungen mit entsprechendem zeithistorischen Fingerspitzengefühl in Form einer ähnlich integrationsfreudigen „100 Deutsche Jahre“ fort.

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