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Revolutions-Kommentar : Die Solidarność vergessen die Polen nicht

An ihm kommen selbst die Revisionisten aus der polnischen Regierung nicht vorbei: Lech Walesa. Bild: EPA

Polens Regierungspartei PiS schreibt die Geschichte um. Jetzt wollte sie die Revolution der Freiheitsbewegung Solidarność für sich vereinnahmen. Doch das klappt nicht.

          Eine für längere Zeit gültige Aussage über Polen zu machen ist schwerer geworden. Zu schnell schwang das politische Pendel im Land in jüngster Zeit hin und her. Doch diese Aussage darf man riskieren: Die Freiheitsbewegung Solidarność ist und bleibt der Gründungsmythos dieses polnischen Staates, der Dritten Republik.

          Am 31. August 1980 brach die Bewegung sich Bahn, ließ Polen für ein Jahr zum freiesten Land des Ostblocks werden, wurde unter Einsatz der Armee niedergeschlagen, kämpfte in der Illegalität weiter und tauchte angesichts einer desolaten Wirtschaftslage mit mächtigen Streiks 1988 wieder auf. Diese Arbeitsniederlegungen erzwangen den ersten runden Tisch des Ostblocks und die ersten, halbwegs freien Wahlen.

          Politische Mode und spöttische Kommentare

          Heute ist es in Polen zur politischen Mode geworden, die Mängel dieser „ausgehandelten“ friedlichen Revolution, eben ihren Kompromisscharakter, negativ hervorzuheben. Das Regierungslager gibt sich alle Mühe, den Held jener Zeit, Arbeiterführer Lech Wałęsa, von seinem Sockel zu stoßen und die damalige Rolle der Kaczyński-Zwillinge aufzuwerten.

          Jaroslaw Kaczyński ist heute Chef der Regierungspartei. Sein Bruder Lech, als Staatspräsident 2010 mit dem Flugzeug abgestürzt, gilt den Revisionisten der Geschichte als tragische Heldenfigur, und mancherorts erinnern bereits bronzen schimmernde Statuen und umbenannte Straßen an ihn. Am Freitag wollten nun mit der Regierung sympathisierende Aktivisten in der Danziger Werft, der Geburtsstätte der Bewegung, zum Jahrestag einen weiteren Akt der Kaczyński-Huldigung vollziehen. Sie hatten eine Gedenktafel vorbereitet, die an nur zwei Personen erinnern sollte: an die Zwillinge, die hier 1988 „gemeinsam mit den Werftarbeitern gestreikt“ hätten.

          Die Tafel sollte am Freitag von den Spitzen des polnischen Staates feierlich enthüllt werden. Schnell kamen spöttische Kommentare auf. Zwar waren die Kaczyńskis in der Tat seit 1977 in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, die dann in die Massenbewegung Solidarność mündete. Als Juristen konnten sie im friedlichen Kampf gegen das Regime wertvolle Ratschläge geben. Doch sie auf diese Weise zu beweihräuchern geht entschieden zu weit.

          In den vergangenen Tagen bekam immerhin auch die Regierungspartei PiS mit, dass eine große Peinlichkeit drohte. Aber wie vollzieht man in letzter Minute eine erinnerungspolitische Vollbremsung? Nach bewährtem Muster: „Der Chef hat davon nichts gewusst.“ Die PiS-Sprecherin teilte in der Tat mit, niemand habe PiS-Chef Kaczyński gefragt, ob man seinen Namen auf der Gedenktafel anbringen dürfe. Und wenn doch, sagte sie, dann hätte er die Genehmigung verweigert. Kaczyński hatte jedenfalls den Schaden, und Lech Wałęsa schickte auf Twitter seinen Spott hinterher. Der Friedensnobelpreisträger hatte die Tage über ohnehin genug zu tun: Am Donnerstag empfing er, als wäre er immer noch Staatspräsident, Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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