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Neues Museum in Danzig : Der lange Schatten des Krieges

Blick in die Ausstellung: Die Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland schlossen im August 1939 den Hitler-Stalin-Pakt – und teilten sich Polen als Beute auf. Bild: dpa

Polens Museum des Zweiten Weltkriegs verbindet die Erinnerung des Ostens mit der des Westens. Der konservativen Regierung ist es ein Dorn im Auge.

          Umzugsstimmung an der Ostsee. Am Langgasser Tor, im prächtigsten Teil des alten Danzigs, räumt die Verwaltung des „Museums des Zweiten Weltkriegs“ ihr Büro, das sie für die Zeit der Bauarbeiten bewohnt hatte. Junge Frauen verschließen letzte Kartons. Das neue Gebäude ist fertig. Wer der Langgasse folgt, das gotische Rathaus und das Wahrzeichen der Stadt, das wuchtige Krantor, passiert, wird es nach zwanzig Minuten zu Fuß erreichen.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Dort, ganz nah an der Mottlau, ist seit 1945 viel sandiges Brachland zu sehen. In Sichtweite steht das Gebäude der Polnischen Post, in dem die polnischen Verteidiger 1939 den angreifenden SS-Einheiten verzweifelt Widerstand leisteten, wie wir in der „Blechtrommel“ ausführlich nachlesen können. Wo zu deutscher Zeit die Große Gasse verlief, verläuft heute die Hauptachse der am heftigsten umstrittenen und umkämpften Kultureinrichtung Polens.

          Weltweit einzigartig

          Diese Überblendung von deutscher Geschichte und polnischer Gegenwart ist Programm: Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das „archäologische“ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.

          Das überwiegend deutsche Danzig und das polnische Gdansk trennt der Zweite Weltkrieg, „die größte Katastrophe in der Geschichte“, wie es eingangs heißt. Um daran zu erinnern, wurde dieses Haus gebaut. Es gebe weltweit kein ähnlich umfassendes Museum dieses Krieges, erzählt der Historiker und Gründungsdirektor Paweł Machcewicz: „Ich habe das Museum in New Orleans gesehen. Aber es behandelt fast ausschließlich Militärgeschichte und da wiederum die Kämpfe der amerikanischen Soldaten. Die Gedenkstätte im französischen Caen kommt unserem Modell schon etwas näher. Die Einbindung verschiedener Perspektiven sehen Sie im Mémorial de la Grande Guerre, aber dort geht es um den Ersten Weltkrieg. Alles wird aus französischer, britischer und deutscher Sicht gezeigt. Eine Ostfront gibt es dort praktisch nicht.“

          Den gesamten Krieg erzählen

          Es war Machcewicz’ Anregung, ein solches Museum zu errichten, geäußert 2007 in einem Beitrag in der „Gazeta Wyborcza“. Damals tobte noch der Streit, deutsch-polnisch, aber auch innerdeutsch, ob und wie auch ein „Tätervolk“ seiner zivilen Opfer, insbesondere des Leids der Millionen deutscher Vertriebenen, gedenken dürfe. Machcewicz erinnert sich: „Wir waren damals frisch in der EU, in die wir uns – erfolgreich, wie es damals schien – integrierten. Aber Polens historische Erfahrung war in Westeuropa, Deutschland inbegriffen, kaum bekannt und wurde auch nicht verstanden. Ich schrieb, wir bräuchten daher ein Museum, das versucht, den gesamten Zweiten Weltkrieg zu erzählen, mit besonderer Berücksichtigung Polens und Ostmitteleuropas. Mit diesem Kontext würden dann auch die Vertreibungen während und nach dem Krieg ihren angemessenen Platz finden.“

          Unter Druck: Professor Pawel Machcewicz, Direktor des Museums

          Wenige Wochen danach reagierte der Historiker Donald Tusk, aus Danziger kaschubischer Familie stammend und damals neuer polnischer Ministerpräsident. Er stellte später gut hundert Millionen Euro für den Bau zur Verfügung. „Er hat nie versucht, inhaltlich Einfluss zu nehmen“, sagt Machcewicz, „nur einmal, als er sagte: Ich hoffe, das Gebäude wird architektonisch eine Zierde der Stadt Danzig sein, kein Schreckgespenst.“

          Panzer und Stalins Pfeife

          Was das polnische Architekturbüro „Kwadrat“ gebaut hat, ist in der Tat eine Zier. In einem Winkel von 56 Grad ragt der Turm des Museums schräg aus dem Boden. Außen hell ziegelrot, wie es zu dieser Stadt der Backsteingotik passt; innen kalter, nackter Sichtbeton. Die polnisch und englisch beschriftete Schau kommt mit erstaunlich wenig Text aus. Sie lebt von Film- und Tondokumenten, sprechenden Bildern und von Gegenständen, oft genug von persönlichen Erinnerungsstücken.

          Besucher werden wohl einen der Panzer fotografieren. Oder die 2015 aus dem Danziger Sand ausgebuddelte Hitler-Büste von Josef Thorak. Oder Stalins Tabakspfeife, die der Diktator einem sowjetischen Oberst schenkte und die am Ende aus der Hand eines dänischen Diplomaten ins Museum wanderte. Schnell wird sichtbar, dass Militärgeschichte hier nicht im Vordergrund steht. Polen habe 200.000 Soldaten, aber fünf Millionen Zivilisten verloren, sagt Machcewicz, unter ihnen drei Millionen Holocaust-Opfer.

          Ein Taschentuch als Abschiedsbrief

          Vielen Ländern in Mittel- und Osteuropa ist es ähnlich ergangen: Brauner und roter Terror, Hunger und Not waren Alltag in den besetzten Gebieten. Das zeigt das Museum: Lebensmittelmarken und Kanonenöfen, Feldflaschen und das „Sonderfahndungsbuch Polen“ der Gestapo. Frontverläufe bekommt der Besucher kaum zu sehen, dafür eine Landkarte der „Trostfrauen“-Lager im von Japan besetzten Ostasien. Sparsam werden interaktive Elemente eingesetzt, etwa mit einem historischen Quiz-Bildschirm: „Durften die Franzosen im annektierten Straßburg in der Öffentlichkeit Französisch sprechen?“

          Eine Wand aus Koffern: Sie gehörten Juden, die im Holocaust ermordet wurden.

          Jedes neue Geschichtsmuseum hat mit der schrumpfenden Zahl verfügbarer Originale zu kämpfen. Die Danziger Ausstellung hat die Bevölkerung mobilisiert; etwa die Hälfte der 2000 gezeigten Stücke sind Schenkungen oder Leihgaben. Da ist das Taschentuch, auf dem ein polnischer Politiker 1940 den Abschiedsbrief an seine Familie schrieb: „Heute werde ich von den deutschen Behörden erschossen.“ Sein Bruder wurde von den Sowjets ermordet. Der Enkel Rafał Wnuk ist heute Historiker an diesem Museum.

          Die Opfer sprechen lassen

          Das teuerste Exponat – Versicherungswert 50.000 Euro – ist eine Truppenstandarte, die im ostpolnischen Lemberg 1939 vor der Roten Armee in Sicherheit gebracht wurde. Eine Familie brachte sie bei ihrer Vertreibung nach Breslau und hielt sie dort bis heute versteckt. „Als die Familie uns die Fahne übergab, mussten wir ihr Anonymität zusichern“, sagt Vize-Direktor Piotr Majewski, der durch die Ausstellung führt. „Da sehen Sie den langen Schatten des Krieges in unserer Region. Die Angst währt bis heute.“

          Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus. „Allerdings haben die Polen vom Krieg wenige Fotos hinterlassen, anders als die deutschen Soldaten, von denen, so schätzt man, jeder Zehnte eine Kamera dabei hatte“, sagt Majewski. Dafür gibt es andere Erinnerungsstücke: Die verrosteten Haustürschlüssel der Juden, die beim Pogrom von Jedwabne unter deutscher Besatzung von polnischen Nachbarn ermordet wurden, sind zu sehen. Schmuck, der bei den Opfern der Pogrome ukrainischer und kroatischer Nationalisten gefunden wurde. Und schließlich: die bronzene Schiffsglocke der mit Flüchtlingen an Bord versenkten „Wilhelm Gustloff“. Sie stand lange Zeit unbeachtet in einem Restaurant in Zoppot. In den neunziger Jahren entdeckte sie der Bürgerrechtler und heutige Senator Bogdan Borusewicz und sorgte dafür, dass sie in ein Museum kam.

          Dunkle Wolken über dem Museum

          Umso erstaunlicher ist, dass die seit 2015 regierenden Nationalkonservativen das Museum, dessen Taufpate ihr heutiger Erzfeind Tusk war, zum Gegenstand eines kulturpolitischen Kleinkriegs gemacht haben. Für dieses Jahr hat Warschau dem angeblich überteuerten Museum nur 2,7 Millionen Euro bewilligt – bei siebzig festangestellten Mitarbeitern (das Jüdische Museum in Warschau hat doppelt so viele). Eine Million Euro könnte das Haus noch durch die Eintrittskarten erlösen. Kulturminister Piotr Glinski als neuer Dienstherr verfügte außerdem die „Vereinigung“ des Museums mit einer gerade erst gegründeten Danziger Gedenkstätte – ein schlecht getarnter Versuch, Professor Machcewicz loszuwerden. Nicht nur der Direktor, die ganze Richtung passt der Regierung nicht. So wurden Gutachten in Auftrag gegeben, die Vorwürfe wie diese enthalten: Nicht ein Kriegsmuseum mit der Würdigung des polnischen militärischen Widerstands, der Tapferkeit und des Heldentums, sondern ein Antikriegsmuseum sei hier entstanden. Diesen Vorwurf lässt Machcewicz gerne auf sich sitzen: „Ja, Krieg ist etwas Schreckliches, das zeigen wir hier.“

          Fotomotiv: Ein russischer Panzer

          Dabei ist der beeindruckende Versuch seines Hauses, die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen, im Grunde das, was diese Regierung lautstark fordert. Machcewicz glaubt nicht, dass die Zeit der internationalen Kontroversen auf diesem Feld vorbei sei: „Nach 2000 haben sich die deutschen Eliten der Erinnerung an das Leid ihrer Zivilbevölkerung geöffnet; denken Sie an Günter Grass’ Roman ,Im Krebsgang‘, an Erika Steinbachs ,Zentrum gegen Vertreibungen‘. Die Deutschen gedachten also ihrer Toten, in Polen dagegen gab es umgekehrt eine Reaktion auf, das heißt gegen die eigene kritische Geschichtsschreibung, eine Reaktion auf die neuen Debatten über polnische Verbrechen an Juden oder Ukrainern. Die Vektoren der öffentlichen Debatte in beiden Ländern gingen also auseinander. Im Grunde war unser Museum ein Versuch, aus dieser Sackgasse herauszukommen.“ Wenn 2018 in Berlin das Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ öffne, werde der Streit wieder losgehen. Machcewicz ìst froh, dass sein Haus vor dem Berliner Zentrum fertig wurde.

          Allerdings hängen über dem Danziger Museum dunkle Wolken. Zwar hat ein Gericht die Zwangsvereinigung mit der kleinen Gedenkstätte vorerst gestoppt. Aber am 5. April muss Polens Oberstes Verwaltungsgericht über den Fall befinden. Machcewicz hat sich gewappnet: „Der Minister kann nicht einfach kommen und zum Beispiel ein Drittel der Ausstellung herausnehmen. Sollte das geschehen, werden wir die Ausstellung auf der Grundlage des Urheberrechts verteidigen. Wir haben uns beraten lassen, wir haben Chancen, zu gewinnen.“

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