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Neues Museum in Danzig : Der lange Schatten des Krieges

Dunkle Wolken über dem Museum

Umso erstaunlicher ist, dass die seit 2015 regierenden Nationalkonservativen das Museum, dessen Taufpate ihr heutiger Erzfeind Tusk war, zum Gegenstand eines kulturpolitischen Kleinkriegs gemacht haben. Für dieses Jahr hat Warschau dem angeblich überteuerten Museum nur 2,7 Millionen Euro bewilligt – bei siebzig festangestellten Mitarbeitern (das Jüdische Museum in Warschau hat doppelt so viele). Eine Million Euro könnte das Haus noch durch die Eintrittskarten erlösen. Kulturminister Piotr Glinski als neuer Dienstherr verfügte außerdem die „Vereinigung“ des Museums mit einer gerade erst gegründeten Danziger Gedenkstätte – ein schlecht getarnter Versuch, Professor Machcewicz loszuwerden. Nicht nur der Direktor, die ganze Richtung passt der Regierung nicht. So wurden Gutachten in Auftrag gegeben, die Vorwürfe wie diese enthalten: Nicht ein Kriegsmuseum mit der Würdigung des polnischen militärischen Widerstands, der Tapferkeit und des Heldentums, sondern ein Antikriegsmuseum sei hier entstanden. Diesen Vorwurf lässt Machcewicz gerne auf sich sitzen: „Ja, Krieg ist etwas Schreckliches, das zeigen wir hier.“

Fotomotiv: Ein russischer Panzer

Dabei ist der beeindruckende Versuch seines Hauses, die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen, im Grunde das, was diese Regierung lautstark fordert. Machcewicz glaubt nicht, dass die Zeit der internationalen Kontroversen auf diesem Feld vorbei sei: „Nach 2000 haben sich die deutschen Eliten der Erinnerung an das Leid ihrer Zivilbevölkerung geöffnet; denken Sie an Günter Grass’ Roman ,Im Krebsgang‘, an Erika Steinbachs ,Zentrum gegen Vertreibungen‘. Die Deutschen gedachten also ihrer Toten, in Polen dagegen gab es umgekehrt eine Reaktion auf, das heißt gegen die eigene kritische Geschichtsschreibung, eine Reaktion auf die neuen Debatten über polnische Verbrechen an Juden oder Ukrainern. Die Vektoren der öffentlichen Debatte in beiden Ländern gingen also auseinander. Im Grunde war unser Museum ein Versuch, aus dieser Sackgasse herauszukommen.“ Wenn 2018 in Berlin das Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ öffne, werde der Streit wieder losgehen. Machcewicz ìst froh, dass sein Haus vor dem Berliner Zentrum fertig wurde.

Allerdings hängen über dem Danziger Museum dunkle Wolken. Zwar hat ein Gericht die Zwangsvereinigung mit der kleinen Gedenkstätte vorerst gestoppt. Aber am 5. April muss Polens Oberstes Verwaltungsgericht über den Fall befinden. Machcewicz hat sich gewappnet: „Der Minister kann nicht einfach kommen und zum Beispiel ein Drittel der Ausstellung herausnehmen. Sollte das geschehen, werden wir die Ausstellung auf der Grundlage des Urheberrechts verteidigen. Wir haben uns beraten lassen, wir haben Chancen, zu gewinnen.“

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