https://www.faz.net/-gqz-8w5vl

Neues Museum in Danzig : Der lange Schatten des Krieges

Panzer und Stalins Pfeife

Was das polnische Architekturbüro „Kwadrat“ gebaut hat, ist in der Tat eine Zier. In einem Winkel von 56 Grad ragt der Turm des Museums schräg aus dem Boden. Außen hell ziegelrot, wie es zu dieser Stadt der Backsteingotik passt; innen kalter, nackter Sichtbeton. Die polnisch und englisch beschriftete Schau kommt mit erstaunlich wenig Text aus. Sie lebt von Film- und Tondokumenten, sprechenden Bildern und von Gegenständen, oft genug von persönlichen Erinnerungsstücken.

Besucher werden wohl einen der Panzer fotografieren. Oder die 2015 aus dem Danziger Sand ausgebuddelte Hitler-Büste von Josef Thorak. Oder Stalins Tabakspfeife, die der Diktator einem sowjetischen Oberst schenkte und die am Ende aus der Hand eines dänischen Diplomaten ins Museum wanderte. Schnell wird sichtbar, dass Militärgeschichte hier nicht im Vordergrund steht. Polen habe 200.000 Soldaten, aber fünf Millionen Zivilisten verloren, sagt Machcewicz, unter ihnen drei Millionen Holocaust-Opfer.

Ein Taschentuch als Abschiedsbrief

Vielen Ländern in Mittel- und Osteuropa ist es ähnlich ergangen: Brauner und roter Terror, Hunger und Not waren Alltag in den besetzten Gebieten. Das zeigt das Museum: Lebensmittelmarken und Kanonenöfen, Feldflaschen und das „Sonderfahndungsbuch Polen“ der Gestapo. Frontverläufe bekommt der Besucher kaum zu sehen, dafür eine Landkarte der „Trostfrauen“-Lager im von Japan besetzten Ostasien. Sparsam werden interaktive Elemente eingesetzt, etwa mit einem historischen Quiz-Bildschirm: „Durften die Franzosen im annektierten Straßburg in der Öffentlichkeit Französisch sprechen?“

Eine Wand aus Koffern: Sie gehörten Juden, die im Holocaust ermordet wurden.
Eine Wand aus Koffern: Sie gehörten Juden, die im Holocaust ermordet wurden. : Bild: dpa

Jedes neue Geschichtsmuseum hat mit der schrumpfenden Zahl verfügbarer Originale zu kämpfen. Die Danziger Ausstellung hat die Bevölkerung mobilisiert; etwa die Hälfte der 2000 gezeigten Stücke sind Schenkungen oder Leihgaben. Da ist das Taschentuch, auf dem ein polnischer Politiker 1940 den Abschiedsbrief an seine Familie schrieb: „Heute werde ich von den deutschen Behörden erschossen.“ Sein Bruder wurde von den Sowjets ermordet. Der Enkel Rafał Wnuk ist heute Historiker an diesem Museum.

Die Opfer sprechen lassen

Das teuerste Exponat – Versicherungswert 50.000 Euro – ist eine Truppenstandarte, die im ostpolnischen Lemberg 1939 vor der Roten Armee in Sicherheit gebracht wurde. Eine Familie brachte sie bei ihrer Vertreibung nach Breslau und hielt sie dort bis heute versteckt. „Als die Familie uns die Fahne übergab, mussten wir ihr Anonymität zusichern“, sagt Vize-Direktor Piotr Majewski, der durch die Ausstellung führt. „Da sehen Sie den langen Schatten des Krieges in unserer Region. Die Angst währt bis heute.“

Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus. „Allerdings haben die Polen vom Krieg wenige Fotos hinterlassen, anders als die deutschen Soldaten, von denen, so schätzt man, jeder Zehnte eine Kamera dabei hatte“, sagt Majewski. Dafür gibt es andere Erinnerungsstücke: Die verrosteten Haustürschlüssel der Juden, die beim Pogrom von Jedwabne unter deutscher Besatzung von polnischen Nachbarn ermordet wurden, sind zu sehen. Schmuck, der bei den Opfern der Pogrome ukrainischer und kroatischer Nationalisten gefunden wurde. Und schließlich: die bronzene Schiffsglocke der mit Flüchtlingen an Bord versenkten „Wilhelm Gustloff“. Sie stand lange Zeit unbeachtet in einem Restaurant in Zoppot. In den neunziger Jahren entdeckte sie der Bürgerrechtler und heutige Senator Bogdan Borusewicz und sorgte dafür, dass sie in ein Museum kam.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Dürer ist wieder da

Dürer-Ausstellung in Aachen : Dürer ist wieder da

Wunderschön und voller Wunder: Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zeigt eine Ausstellung zu der Kunst und dem Gesellschaftsbild, die sich dem Maler 1520/21 bei seinem Aufenthalt in den Niederlanden boten.

Topmeldungen

Im Fokus: Chips des Herstellers TSMC, hier auf einer Messe in China

Frage der Industriepolitik : Eine Chipfabrik in Deutschland ist für viele verlockend

Der größte Hersteller von Computerchips könnte bald in Deutschland fertigen. Doch die Lieferengpässe deutscher Unternehmen sind dadurch nicht direkt gelöst. Der Staat steht vor einer wichtigen Entscheidung.
Soldaten der tunesischen Armee bewachen am 26. Juli den Eingang des Parlamentsgebäudes in Tunis

Politische Krise in Tunesien : Ein Land in angespannter Ruhe

Die Entmachtung des tunesischen Ministerpräsidenten Hichem Mechichi durch Staatspräsident Kaïs Saïed ist für manche Grund zu feiern – andere sprechen von einem Putsch. Die Lage bleibt angespannt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.