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Polens Botschafter im Gespräch : Die Basis von 1989

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Neue Einigkeit über die Richtung Bild: AFP

Angela Merkels Besuch in Polen gilt als diplomatischer Erfolg, der das komplizierte Verhältnis zwischen den Nachbarn verbessern dürfte. Polens Botschafter Marek Prawda im F.A.Z.-Interview über das, was beide Völker verbindet und trennt.

          Angela Merkels Besuch in Polen gilt als diplomatischer Erfolg, der das komplizierte Verhältnis zwischen den Nachbarn verbessern dürfte. Polens Botschafter Marek Prawda im F.A.Z.-Interview über das, was beide Völker verbindet und trennt.

          Herr Botschafter, Präsident Kaczynski gilt nicht als Deutschland-Enthusiast, aber Angela Merkel hat bei ihrem Besuch in Polen seine Sympathie gewonnen. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?

          Das Geheimnis ist die geradezu spektakuläre Nutzung der Schicksalsgemeinschaft, die uns verbindet - Frau Merkel als ehemalige Bürgerin der DDR und uns Polen. Durch ihre Herkunft konnte die Kanzlerin sehr schnell zu den Punkten vorstoßen, die für uns ausschlaggebend sind. Sie hat klargemacht, dass Deutschlands Einheit und Polens Freiheit sich in den Zeiten der Wende gegenseitig bedingt haben. Ihre Feststellung, ohne die Solidarnosc wäre sie heute nicht Bundeskanzlerin, war das entscheidende Signal.

          Marek Prawda

          Dennoch fühlt sich die polnische Regierung nicht ganz wohl in der Nachbarschaft des mächtiger gewordenen Deutschland.

          Wir befinden uns gerade in einer Phase, in welcher wir uns von einer Spielwiese fremder Interessen zum „Player“ entwickeln. Da wirken noch viele historische Erfahrungen nach. Der Erste Weltkrieg zum Beispiel fand zum großen Teil auf polnischem Territorium statt, ohne dass Polen damals als Staat existierte. Zugleich waren wir Polen auf den Soldatenfriedhöfen überrepräsentiert. Aus solchen Erfahrungen, aus diesem Komplex leitet sich das Bedürfnis ab, zu einem Subjekt zu werden, das über sein Schicksal selbst entscheidet.

          Droht Deutschlands Macht in Europa Polen wieder zur Spielwiese zu machen?

          Seit unserem Beitritt zur EU sind wir näher an Deutschland dran, und da zeigen sich die Asymmetrien viel schonungsloser.

          Jaroslaw Kaczynski etwa hat gesagt, in Deutschland versuche man gerade, aus Henkern Opfer zu machen. Woher kommt der Verdacht?

          Nach 1990, als wir in Polen versuchten, uns auch mit den dunklen Seiten unserer Geschichte zu befassen, etwa mit den Zwangsaussiedlungen nach dem Krieg, haben wir uns in Deutschland nicht ganz verstanden gefühlt. Es gab Aufrufe aus Deutschland, uns mit unseren Tabus intensiver auseinanderzusetzen, und kurz darauf kamen neue Restitutionsforderungen. Manche bei uns haben das als einen Versuch gedeutet, die historische Debatte zu instrumentalisieren. Wir dachten eigentlich damals, dass wir schon weiter waren. Wir glaubten, man könne sich im Geiste der deutschen und polnischen Bischöfe und ihrer Botschaft „wir vergeben und wir bitten um Vergebung“ einander nähern. Jetzt aber heißt es plötzlich, es müsse ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ geben.

          Wie war das Deutschland-Bild der Solidarnosc?

          Deutschland spielte in unseren Debatten eine enorme Rolle. Wir sahen, dass der Kommunismus antideutsche Stimmungen dazu nutzte, um Ersatz für seine fehlende Legitimation zu schaffen, und wir wussten, dass die Beschäftigung mit Deutschland das Bewusstsein der Polen verändern würde. Deutschland war deshalb eines der Themen, mit denen wir die Entwicklung einer unabhängigen Öffentlichkeit in Polen vorantreiben konnten. Wenn wir uns gegen kommunistische Propaganda wandten, benutzten wir oft das Beispiel der Beziehungen zu Deutschland.

          Oppositionell sein hieß damals also deutschfreundlich sein?

          Das kann man so sagen. Aber der Einfluss Deutschlands ging noch weiter. Entscheidend war da etwa das Beispiel des Pfarrers Dietrich Bonhoeffer und seines Widerstands im Dritten Reich. 1970 erschien in Polen ein Buch über ihn, „Ein Christ im Dritten Reich“ von Anna Morawska, das große Aufmerksamkeit fand und eine rege Debatte über den „einsamen Helden“ in Gang setzte. Wir Polen mögen solche Themen, und Bonhoeffer verkörperte für uns eine extreme Variante des Heroismus. Er hatte keinerlei Rückhalt und hat sich dennoch entschieden, gegen Hitler aufzutreten. Das hat uns enorm inspiriert. Wir sahen uns Bonhoeffers Dilemmata an, und wir folgten seiner Frage, wie sich ein Bürger und Christ in einer aggressiven Diktatur zu verhalten hat. Wir lernten von ihm: skeptische Distanz genügt nicht, und wir entwickelten Begriffe wie „unpolitische Politik“ oder „Bewegungsdemokratie“ auf der Grundlage von Werten und Zivilcourage. Die Artikel, die bei uns damals über Bonhoeffer erschienen, waren ein Labor für die Entwicklung der polnischen Variante von Zivilgesellschaft und „Non-Violence“.

          Lech Kaczynski hat sich damals anhand von Thomas Manns „Zauberberg“ mit der Gedankenwelt des Totalitarismus auseinandergesetzt. Heute sagt er, kein Buch habe ihm je besser gefallen als dieses.

          Es gibt viele Beispiele. Katholische Publizisten in Polen bezogen sich oft auf den Kreisauer Kreis und Helmuth James von Moltke. An ihm lasen wir ab, wie Religion als Medizin gegen Intoleranz und Nationalismus wirken kann. Bei Bonhoeffer und Moltke fanden wir das Postulat Wladyslaw Bartoszewskis bestätigt: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“

          Wo müssen wir ansetzen, um die Störungen von heute zu überwinden?

          Angela Merkels Besuch hat gezeigt: Es hilft, wenn wir uns an 1989 erinnern. Wir wussten damals, dass es ohne die deutsche Einheit kein freies Polen geben kann. Viele bei uns waren schon für die Vereinigung Deutschlands, als Deutschland selbst noch gar nicht so weit war. Wir wussten: Mit der deutschen Einheit kommt die Demokratie, kommt Europa näher an uns heran. Andererseits wusste Deutschland, dass ohne Polens Freiheit die Einheit nicht möglich geworden wäre. Das ist die Basis von 1989, und diese Basis hat Frau Merkel jetzt genutzt. Da erkennen wir das alte und das neue Deutschland wieder, das versucht, uns zu verstehen.

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