https://www.faz.net/-gqz-9b2g4

Plurikulturalität in Thailand : Die Umdeutung von Babel

  • -Aktualisiert am

Wo der Widerspruch zum Alltag gehört: Tänzerin in Bangkok Bild: dpa

Bei Thailand denken viele nur an Sextourismus. Doch zwischen Ideologie und Tradition hat die dortige Kultur etwas zu bieten, was in Europa fehlt.

          6 Min.

          Wenn da draußen wirklich das Paradies ist, so dicht vor der Haustür, dann kann ich auch mal hinfahren und es mit eigenen Augen anschauen . . . Wir werden Farangs sein. Touristen“, sagt die Mutter zu ihrem Sohn. Zum ersten Mal will sie Bangkok verlassen und verreisen. Eine kleine Insel in der südlichen Andamanensee ist ihr Ziel.

          Ich lese die Erzählung „Sightseeing“ von Rattawut Lapcharoensap aus dessen gleichnamigem Kurzgeschichtenband. Es ist ein Beispiel für die wenige thailändische Prosa, die auf Deutsch vorliegt. „Und das, obwohl ich mich erinnere“, staunt der Sohn, „dass Ma mir als Kind erzählt hat, Thailand sei nur für Dummköpfe und Farangs ein Paradies.“ Ich wollte kein Dummkopf sein. Ich habe mich vor meiner Reise ans Lesen gemacht. Und mir Fragen überlegt: Wir Europäer reden uns den Mund fusselig über Integration, Heimat und Nation – doch wie ist das in Thailand? Gibt es eine thailändische Leitkultur? Wird die Integration von kambodschanischen Arbeitsmigranten an ihr gemessen? Und gibt es da einen Unterschied zu den chinesischen Zuwanderern in Bangkok?

          Zugegeben, schon auf den ersten Blick gleicht Bangkok keinem Paradies. Vielleicht einem Turm zu Babel. In der weltweit meistbesuchten Metropole ist die Luft stickig, und die Menschen tragen Atemmasken. Man steckt andauernd im Stau, schwitzt draußen und friert drinnen (Klimaanlagen!). Auf den monströsen Straßen ohne Bürgersteige, in überfüllten Einkaufszentren und auf Märkten fühlt sich selbst ein Berliner wie ein Hinterwäldler, verloren und bedrückt.

          Die Floskel der zu bewahrenden Tradition

          Um mit dem Eindruckschaos und meiner Lektüre nicht ganz alleine dazustehen, verabrede ich mich mit örtlichen Schriftstellerkollegen. Einer von ihnen ist Wipas Srithong. Der Romancier und Dichter wurde im Jahr 2012 mit dem S.E.A. Write Award geehrt, einer bedeutenden südostasiatischen Auszeichnung. „Ich würde lieber in einem Land leben, wo Menschenrechte beachtet werden, als in einem, wo alle lächeln.“ Gleich zur Begrüßung zerschmettert Srithong meinen Versuch, das gesuchte Paradies aus dem gewaltigen urbanen Raum ins Zwischenmenschliche zu verlegen.

          „Das ,Bewahren der Tradition‘ ist zu einer Floskel verkommen. Sie verbirgt eine Ideologie, die der Junta erlaubt, Demokratie, Gerechtigkeit und unabhängige Medien zu untergraben“, schreibt der Autor im Schatten der Ereignisse von 2010 und 2014, als Scharfschützen wiederholt auf friedliche Demonstranten schossen. „Einige von uns begannen später, die identitäre Politik zu unterstützen. Andere engagieren sich für LGBT-Rechte. Aber auch das ist ein einfacherer Weg, denn insgeheim wird er von der Junta begrüßt. So kann sie Thailand als ein modernes, fortschrittliches Land darstellen.“

          Immer noch ein Lächeln übrig: Straßenhändler in Bangkok

          Auch für Veeraporn Nitiprapha, die Trägerin des S.E.A. Write Award 2015, sind die jüngsten politischen Ereignisse im Land ein Schlüsselerlebnis für ihre nach Jahrzehnten wieder aufblühende literarische Laufbahn. Die Schriftstellerin entwirft Schmuck, ist leidenschaftliche Köchin und leitete früher sogar ein Journal namens „Hype“. Ich spreche mit ihr über mein Wohlbefinden, das mich in Thailand immer wieder überkommt. Ja, es ist ein Farang-Wohlbefinden. Ja, die Junta. Und dennoch: Die feurig-scharfen Currys in leuchtenden Farben, die köstlich gewürzten Larbs und die tropischen Früchte. Aber auch die Ruhe. Eine tiefe, innere Ruhe. In Europa sehne ich mich nach ihr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einer Regierungserklärung im Thüringer Landtag.

          Thüringen plant Lockerungen : Mutig oder falsch?

          Die Pläne der Thüringer Landesregierung, den allgemeinen Lockdown wegen der Corona-Pandemie vom 6. Juni an aufzuheben, stößt nicht nur bei Gesundheitsexperten auf scharfe Kritik. Doch in der Bevölkerung erfährt Bodo Ramelows Vorstoß auch Zustimmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.