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Plurikulturalität in Thailand : Die Umdeutung von Babel

  • -Aktualisiert am

Das erste Gespräch mit Veeraporn Nitiprapha führe ich in einem schicken vietnamesischen Restaurant am Fluss Chao Phraya. Man bekommt die einzelnen Zutaten separat serviert und darf sich seine Sommerrollen selbst in Reispapier einwickeln. Ich bin mit dem Rollen nicht vertraut und brauche viel Zeit. Glücklicherweise redet Nitiprapha gerne. Die aus einer chinesischen Familie stammende und auf Thai schreibende Autorin ist mit ihrem Kollegen Srithong einer Meinung: Gesellschaftliche Herausforderungen entstammen wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Die vermeintliche Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder das Sich-Laben an einer „Leitkultur“ spielen hier keine Rolle. Zumal: „Man kann hier sowohl in thailändische als auch in chinesische Tempel beten gehen. Man fühlt dabei keinen Widerspruch.“

Alles im Fluss: Bewohner am Chao Phraya in Bangkok
Alles im Fluss: Bewohner am Chao Phraya in Bangkok : Bild: EPA

Laut Bhatti basiert auf dem fluiden Prinzip des „Sowohl-als-auch“ das plurikulturelle Gesellschaftsmodell. Es ist eben nicht das Nebeneinander von diversen, scharf voneinander getrennten identitären Gruppen, wie etwa im sogenannten Multikulturalismus, sondern ein Beziehungsgeflecht voller Überlappungen. Ein Palimpsest.

Das Essen bei dem Bangkoker Vietnamesen war zwar hervorragend. Aber wenn man sich schon mit einem „Einheimischen“ verabredet, warum nicht in einem „authentischen“ Restaurant mit lokaler Küche? „Was heißt denn für dich authentisch?“, fragt Nitiprapha. Ich muss wieder an Thomas Bauer denken: „Der Authentizitätsdiskurs sieht davon ab, dass Menschen in der Gesellschaft immer in verschiedenen Rollen agieren, die situationsbedingt wechseln, in denen die Menschen keineswegs immer auf dieselben Fragen dieselben Antworten geben.“ Ist es denn nicht durchaus „authentisch“, wenn ich immer wieder bei meinem Berliner Lieblingskebabladen um die Ecke essen gehe, aber einen angesehenen Besucher aus einem weit entfernten Land in ein, sagen wir mal, äthiopisches Restaurant am anderen Ende der Stadt führe?

Auch Bhatti stellt den Begriff der Authentizität auf den Prüfstand. Dabei greift er gerne das Bild von Babel auf. Die Entstehung der Sprach- und somit der Kulturvielfalt haben wir uns im Westen als Katastrophe eingeprägt (Strafe Gottes!). Der Erfahrungshorizont von Menschen aus Ostasien ist ein ganz anderer. Ohne die individuell gestaltete Vielsprachigkeit, also das Gleiten zwischen den Sprachen, oder anders gesagt: die Plurikulturalität, sind die dortigen kulturellen Ökosysteme nicht denkbar. Somit wäre Bhatti mit Srithong einverstanden: Identitäre Zugehörigkeiten, seien sie auch noch so progressiv, laufen Gefahr, den Bewahrern der Tradition in die Hände zu spielen. Es lebe die Fuzzyness, nieder mit dem Babeltrauma!

Stanisław Strasburger ist Schriftsteller und Kulturmanager. Sein Roman „Der Geschichtenhändler“ erschien soeben im Secession Verlag auf Deutsch. Er wurde in Warschau geboren und lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und mediterranen Städten.

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